Anders leben, anders lernen, anders arbeiten: Umsonstläden, Freie Uni & Stadtteil-Werkstatt

Um den ersten Umsonstladen Deutschlands in Hamburg haben sich mittlerweile viele Alternativ-Projekte entwickelt.

Viele von uns schuften von früh bis spät, um sich viele Dinge »leisten« zu können, die wir eigentlich nicht brauchen. Das freut die Produzenten und Händler – aber der ganz alltägliche Verschwendungswahn kann auf Dauer nicht gut gehen: Die Menschen brechen immer häufiger unter der Last der Arbeitsüberforderung zusammen; andere werden geringschätzig betrachtet, weil sie bei dem ganzen Konsumterror nicht mitmachen wollen oder können. Und nicht zuletzt ächzt die Natur ganz erheblich unter der Vergeudung: von der Energie- bis zum Müllproblem haben wir keine Ahnung, wie wir diesen »Lebensstil« auf Dauer realisieren sollen. Unsere Politiker weigern sich hartnäckig, die notwendigen Reformen anzugehen – es gäbe keine Alternativen, heißt es da allzu oft. Das dem nicht so ist, versucht ein Arbeitskreis in Hamburg zu beweisen: frei von Ideologien wollen sie ganz praktisch zeigen, wie ein Leben jenseits des Karriere-, Konsum- und Kapitalismuszwangs aussehen könnte. Wir trafen uns mit Angela Banerjee und Volker Laas vom Arbeitskreis (AK) Lokale Ökonomie (www.ak-loek.de).

Seit wann gibt es den AK Lokale Ökonomie und wie kam es dazu?

Angela: Den Arbeitskreis gibt es schon seit 1999. Leitend war die Unzufriedenheit damit, dass die Wirklichkeiten zwischen den Leuten so auseinander klafft: die einen arbeiten viel und haben viel Geld, aber wenig Zeit – die anderen haben zwar viel Zeit, aber kein Geld. Das stimmt aber gar nicht mit unseren wirklichen Bedürfnissen überein. Deshalb wollte der Arbeitskreis Möglichkeiten finden, unseren Alltag anders zu gestalten: die Zeit für die Erwerbstätigkeit reduzieren, nur das erarbeiten, was man wirklich zum Leben braucht – und vor allem auch Dinge wieder benutzen, weiter benutzen, zu reparieren und weiter zu geben.

Volker: So entstand die Suche nach einem praktischen Projekt, das eine Alternative bildet zu den zwei Möglichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft: entweder die totale Arbeitsüberlastung oder die Arbeitslosigkeit. So entstand die Idee des Umsonstladens. Für die weitere Entwicklung typisch ist ein langsames Wachstum: Um den Umsonstladen herum entwickelten sich dann nämlich noch weitere Projekte, wie das Kleinmöbellager, in dem wir gerade sitzen, oder die Fahrrad-Selbsthilfe-, die Kreativ- oder die Reparatur-Werkstatt sowie die Freie Uni. Daneben wurden die bestehenden Projekte größer – die Öffnungszeiten des Umsonstladens wurden länger et cetera.

Volker Laas im Kleinmöbellager des Arbeitskreis Lokale Ökonomie

Was ist die Freie Uni Hamburg?

Volker: Hier gibt es kostenlose, selbstorganisierte Bildungsangebote. Seit letztem Oktober lernen wir zum Beispiel in der Gruppe PHP und wollen demnächst auch ein praktisches Projekt beginnen. Solche Seminare kosten sonst in der Regel viele Tausend Euro. Wir haben aber mittlerweile festgestellt, dass man sich das alles auch ohne Lehrer aneignen kann, die Motivation alleine reicht aus. Einer der Teilnehmer hat zwar schon Programmiererfahrung aus einem anderen Bereich – aber es gibt auch ganz blutige Anfänger..

Angela: Das kann ich nur bestätigen. Ich war einige Zeit in der Linux-Gruppe, die Volker ebenfalls initiiert hat. Auf gleichberechtigter Ebene zu lernen ist sehr angenehm. Natürlich haben immer ein paar Leute einen Wissensvorsprung, aber dennoch ist es ein Miteinander, das sehr viel Spaß bringt.

Welches Ziel verfolgt ihr mit euren Projekten? Wollt ihr die Gesellschaft tatsächlich grundlegend verändern?

Volker: Wir wollen schon etwas in der Gesellschaft verändern. Aber wir tun dies in Form eines Spiels oder Experiments, das sehr grundlegende Alternativen zum Kapitalismus zeigen soll. Wir wollen ganz praktisch beweisen, dass es auch anders gehen könnte. Das hat auch die Intention, dass eine Gesellschaft anders funktionieren könnte und man könnte das natürlich ganz forsch formulieren – aber das würde wohl nicht der Realität entsprechen.

Dazu kommt, die Offenheit des AK. Ich hab noch nie eine Gruppe getroffen, bei denen die Einstellung der Menschen so heterogen ist. Sonst gibt es bei Gruppen ja oft so eine sehr ähnliche Ausrichtung der Meinungen. Das macht die Arbeit im AK zwar manchmal ein bisschen anstrengend, aber auch sehr spannend: Die Teilnahme an Projekten führt bei den Leuten wirklich zu Veränderungen. Gerade was die Selbstorganisation angeht. Das ist für viele erst mal ungewohnt, aber dann merken sie, dass es viel besser ist, weil sie mehr zu sagen haben. In diesem Bereich sind wir inzwischen auch wirklich ganz gut.

Wer sich für eine gute Sache einsetzen will, kann jederzeit beim AK mithelfen – frei von Ideologien und ohne Hürden

Angela: Ja, diese Heterogenität ist unsere Stärke. Viele Ideologien formulieren ganz feist das Ziel, das über allem steht und nach dem sich alle richten sollen – und dann scheitert man in der Wirklichkeit oft daran. Natürlich haben wir eine Idee, der wir verfolgen. Aber wir geben uns auch viel Spielraum, um etwas zu entwickeln. So können wir sehen, dass die Realität vielleicht in manchen Fällen einfach eine andere ist. Das führt dann zwar zu Enttäuschungen – aber die gibt es woanders ja auch.

Und wie Volker sagt, durchläuft bei uns jeder Einzelne so einen Prozess. Das habe ich auch an mir festgestellt: ich habe durch die Erfahrungen hier viel mehr Zutrauen zu mir gefasst: Ich habe gesehen, dass ich Ideen umsetzen kann. Das hat wiederum dazu geführt, dass ich auch in anderen Bereichen aktiver geworden bin. Mein energiepolitisches Engagement ist zum Beispiel so entstanden. Die Arbeit im AK hat mir also Mut gemacht, Schritt für Schritt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Und das ist meiner Meinung nach der große Vorteil an unserem Projekt: die Schwelle ist ganz niedrig. Wer möchte, kann auch erst mal nur Waren räumen – und sich dennoch an einer sinnvollen Sache beteiligen und sein Engagement Schritt für Schritt entwickeln. Man muss nicht gleich große Pamphlete entwerfen und ein fertiges Weltbild formuliert haben.

Volker: Wenn man den AK unter dem gesellschaftsverändernden Aspekt sehen möchte, muss man zudem auch sehen, dass wir nur eine Initiative unter vielen sind. Viele davon haben gar nicht unbedingt im Kopf, dass sie die Gesellschaft verändern wollen. Aber sie funktionieren eben einfach anders, als die klassischen Unternehmen: der ganze Bereich der freien Software (OpenSource) zum Beispiel. In diesem verstreuten Feld sind wir ein Pünktchen, das versucht seinen Teil zu realisieren. Wir werden natürlich nie eine umfassende Alternative des Wirtschaftens aufbauen können, wie das etwa eine Kommune könnte, wo alle viel mehr Zeit einbringen. Dafür sind wir aber viel offener als eine Kommune.

Übrigens: den Initiativen des Ak Lokale Ökonomie droht aufgrund von Mieterhöhungen das Aus. Mit der Initiative „Lux & Konsorten“ kämpft der AK derzeit für bezahlbaren Gewerberaum in Hamburg

Gibt es in anderen Städten ähnliche Projekte und seit ihr vernetzt?

Volker: Es gibt in ziemlich vielen Städten Umsonstläden. Allein in Hamburg gibt es drei. Das ist auch so ein interessanter Punkt: Viele dieser Läden sind in der gleichen Zeit entstanden, ohne dass sie voneinander gewusst hätten. Anscheinend war die Zeit dafür reif, wobei die Vorbilder glaube ich noch aus der Hippie-Zeit, aus San Franzisko stammen. Aber das wusste auch keiner, als der Umsonstladen hier gegründet wurde. Mittlerweile gibt es wohl so um die 20 Umsonstläden in Deutschland. Es gab auch einige bundesweite Treffen, auch aus Österreich. Es gibt auch eine Mailing-Liste. Aber so ein richtiges Netzwerk ist es nicht. Denn zwischen den Treffen gibt es eigentlich weniger Austausch. Wir sind da eher praktisch veranlagt.

Welche weiteren Projekte plant ihr?

Angela: Ein Projekt, was wir gerne noch verwirklichen würden, wäre das Thema der »nichtkommerziellen Landwirtschaft«. Wir möchten also eine Form des Gemüseanbaus hier in der Stadt realisieren. So versuchen wir als Teil der Hamburger Initiative »Lux & Konsorten«, die für günstigen, spekulationsfreien Gewerberaum streitet, größere Räumlichkeiten zu finden. Im Kontext eines größeren Geländes gäbe es dann auch noch mal eine neue Perspektive für uns – unter anderem die Landwirtschaft, wie dies zum Beispiel auch im Prinzessinnengarten in Berlin realisiert wird. Natürlich können sich davon nicht dreißig oder vierzig Leute ernähren, aber es kann eine Anregung sein: die Menschen sehen, dass das eine Idee ist, die sie vielleicht auch woanders umsetzen kann.

Volker: Lebensmittel und wohnen sind ja auch die beiden großen Bereiche, in denen man sich etwas überlegen muss. Beim Wohnen haben wir momentan noch gar keine Antwort, beim Thema Lebensmittel auch noch nicht so richtig. Wir müssen einfach viele Bereiche außen vorlassen und uns eher als ein Experimentierfeld verstehen.

Aber könntet ihr euch vorstellen, dass eine Gesellschaft komplett so funktioniert, wie ihr das hier im kleinen Ansatz praktiziert? Oder seht ihr das selbst »nur« als Ergänzung?

Angela: Für mich ist nicht die Frage, ob die Gesellschaft so funktionieren könnte. Ich will wissen, was für mich persönlich funktionieren kann und wo es Hindernisse gibt. Erst wenn ich das geklärt habe, kann der nächste Schritt kommen mit der Frage, ob das auch für eine gesamte Gesellschaft funktionieren könnte?

Volker: Ich kann mir das schon vorstellen, aber man kann sich natürlich viel vorstellen (lacht). Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass ich das noch erleben werde. Nichtsdestotrotz zeigt ein Projekt der Freien Uni Hamburg, wie man sich vielleicht zumindest zu einem Stück weit unabhängig machen kann. Hier gab es eine Gruppe, die ein Windrad bauen wollte, um Strom zu produzieren. Damit kann man natürlich nicht seinen gesamten Bedarf abdecken, aber einen Teil. Und immer erst einmal den ersten Schritt zu tun ist auf jeden Fall sinnvoll. Denn das Wichtigste ist, dass man überhaupt erst einmal los läuft.

Vielen Dank für das Gespräch!

Noch mehr Infos:
Weitere Stadtgärten-Initiativen findet ihr auch in unserem Artikel “Stadtgärten & Seedbombs
Diese und andere Initiativen aus Hamburg trifft man beim Kongress „Recht auf Stadt“ am 5. und 6. Juni.

Weitere Infos zu Umsonstläden liefert natürlich Wikipedia, eine Liste aller Läden gibt es auf www.umsonstladen.de

Und wer nun selbst einen gründen möchte, weil es bei ihm oder ihr um die Ecke keinen gibt, dem gibt der AK Lokale Ökonomie ein paar Spielregeln an die Hand…

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!

2 Antworten auf "Anders leben, anders lernen, anders arbeiten: Umsonstläden, Freie Uni & Stadtteil-Werkstatt"

  1. […] Damit schließt Leila an die bereits bekann­ten Umsonst­lä­den (siehe auch unser Inter­view) an – und ich finde, letz­tere könn­ten über­le­gen, ob sie ihr Ange­bot nicht wie­derum […]

  2. […] siehe auch Attac-Kampagne »Kröten wechseln«), Tauschringe, Umsonst-Ökonomien (wie der erste Umsonstladen Deutschlands in Hamburg), Regionalwährungen, Fair Trade, Alternative Medien und und […]

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