Das autarke Heim: Die Recycling-Architektur der »earthships« als individualisierte Arche Noah

Vor gut 40 Jahren hatte der angehende Architekt und Vietnam-Kriegsgegner Michael Reynold eine Erkenntnis, die sein ganzes Leben bestimmen sollte… Er erkannte bereits damals, dass uns sowohl die wachsenden Müllberge, als auch die schrumpfenden Naturressourcen vor eine gigantische Herausforderung stellen würden: Wie sollten wir unser Überleben ermöglichen? In einem Earthship, meint Reynolds…

Seine Antwort ist beeindruckend. Beeindruckend simpel, beeindruckend schön, beeindruckend schräg, beeindruckend individualistisch. Irgendwie eben so amerikanisch, so wie wir die Amerikaner lieben. Michael Raynolds begann nämlich autarke Häuser aus Abfällen zu bauen. Ausgediente Autoreifen, Glasflaschen und Weißblechdosen halten für die Wände her. Ein ausgeklügelter Wasserkreislauf soll es den earthship-Bewohnern ermöglichen, allein mit Regen- und Schmelzwasser auszukommen – und sich dabei auch noch ihr eigenes Gemüse heran zu ziehen.

Im Sommer sorgt ein ausgeklügeltes Kühlungssystem für angenehme Temperaturen.

Per Solarpanel und Windräder erzeugt man sich im earthship seine eigene Energie. Und davon braucht man weniger, denn – ähnlich wie bei einem Passivhaus – sorgt ein durchdachtes System an Belüftungen und Bodenmaterialien dafür, dass die Temperaturen im Sommer nicht zu hoch steigen und im Winter nicht zu tief fallen.

Klingt alles viel zu schön, um wahr zu sein? Das denken sich wohl so einige. Reynolds hatte die letzten vierzig Jahre, in denen er sich seiner Vision widmet, viel Hohn und Spott zu ertragen. Aber nicht nur das. Da es zum Beispiel in den meisten westlichen Ländern nicht legal ist, nicht an ein öffentlichen Abwassersystem angeschlossen zu sein, musste Reynolds auch einige gerichtliche Auseinandersetzungen durchstehen. Das alles hat ihn aber nicht aufgeben lassen. Er gründete in Taos, New Mexico eine earthship-Community und versucht seine Idee auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Mit Erde gefüllte Autoreifen, Glasfassaden, Steinböden und vieles mehr sichern auch bei Schnee Zimmertemperaturen.

Man stelle sich zum Beispiel nur vor, wie viele Menschen so ein autonomes Leben führen könnten…? Sie wären nahezu unabhängig von Politik und Wirtschaft. Wer dies weiter denkt, begreift den Sprengstoff, der in Reynolds Vision zu finden ist. Nichts desto trotz erleben Reynolds und seine Idee in den letzten Jahren eine wachsende Akzeptanz sowie zunehmendes Interesse. Wir sprachen darüber mit dem amerikanischen Vordenker.

 

Michael, wie hat alles angefangen?

Das ist nun vierzig Jahren her. Das erste Mal dachte ich über diese Dinge während meines Studiums nach. Damals kam ich nach Taos, New Mexico, um Motorradrennen zu fahren. Da sah ich eine Fernsehsendung über das Abholzen der Wälder. Der Sprecher prophezeite damals einen Mangel an Holz sowie ein CO2-Problem, weil man die ganzen Sauerstoff-produzierenden Wälder abholzte. Er sagte auch steigende Kosten für Häuser und Wohnen voraus. Das ist alles wahr geworden: viele Menschen sind heute obdachlos und noch mehr machen sich Sorgen über den Kahlschlag des Regenwaldes – oder überhaupt des Waldes. Aber er sagte das alles schon damals in den 1970er Jahren!

In der gleichen Show gab es auch noch einen Beitrag über weggeworfene Bierdosen – und was man damit machen könnte. Dieser Beitrag sah ein riesiges Müllproblem vorher. Und auch das ist wahr geworden. Ich brachte damals einfach diese zwei Dinge zusammen und sagte mir: warum können wir die Bierdosen nicht nehmen und damit dafür sorgen, dass Menschen ein Dach über dem Kopf bekommen? Dann müssen wir keine die Bäume fällen!

Ein verrückte Idee damals – und so wurde ich dann auch bezeichnet: verrückt. Wir bauten dennoch 1972 so ein Haus… mit Bierdosen. Das steht heute noch. Und es brachte es bis auf die Titelseite der »Denver Post« in Colorado. Für viele ist das so eine lächerliche Sache – nur eine verrückte Nachricht. Sie verstehen nicht wirklich den Wert der Idee und die Regeln, die dabei gebrochen werden – und wie sehr man dafür in Schwierigkeiten geraten kann. All die vierzig Jahre, die ich das nun betreibe, habe ich das immer wieder erlebt. So hat das Ganze also angefangen. Aber es fängt immer wieder neu an. Zur Zeit sehen wir zum Beispiel immer mehr positive Resonanz.

Eingemauerte Dosen und Glasflaschen sehen auch noch gut aus.

 

Was waren die schlimmsten Höhen und Tiefen? Welche Widerstände gab es?

Eigentlich waren das vor allem Tiefen. Das Positive an der ganzen Sache war und ist vor allem, dass ich das getan habe, was ich für das Richtige hielt. Ich habe damit kein Geld verdient, ich war deshalb vielmehr permanent in Schwierigkeiten. Also alles in allem gab es eigentlich nur Tiefen.

Schließlich – nachdem es mit der Umwelt immer mehr bergab geht und uns der Klimawandel zum Nachdenken bringt – halten die Leute Ausschau nach irgendwelchen Alternativen. Seit dem beginnt für uns ein Weg bergauf: Wir bauen mittlerweile schon so lange earthships, dass wir verdammt gut darin sind Wasserkreisläufe zu organisieren und regenerative Energie und Müllvermeidung sowie -entsorgung – also das gesamte nachhaltige Leben. Wie lange diese Höhe dauert, kann ich nicht sagen. Aber im Moment sind wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

 

Was haben sie dabei gelernt?

Oh, ich lerne die ganze Zeit. Die wichtigste Erkenntnis ist: Wenn man wirklich an etwas glaubt und davon überzeugt ist, dann muss man seinem Herzen folgen. Ich hab das getan: durch Betonwände, Feuerreifen und Anfeindungen aller Art hindurch. Denn ich glaubte fest, dass die Idee der earthships die richtige Richtung ist. Nun stehe ich im Sonnenschein und werde ausgezeichnet und prämiert für das, was ich die ganze Zeit schon gemacht habe. Dabei glaube ich einfach nur, dass das das ganz Normale ist. Wir hätten es schon vor vierzig Jahren tun sollen.

Jetzt ist es sehr spät, aber immerhin kann ich nun etwas tun und lernen … ja, und vor allem auch lernen, wie viel es da noch zu lernen gibt über all diese unterschiedlichen Aspekte: Energie, Kühlung, Wasser, Biologie, Physik, Gartenanbau und so weiter. Für mich ist das nun einfach ein einziges Abenteuer, bei dem wir alle hier permanent lernen – wohl wissend, dass wir all dieses Wissen dazu nutzen können, für uns selbst zu sorgen, auch wenn die Wirtschaft zusammen bricht und die letzten Ressourcen aufgebraucht sind.

Das Interior der earthships erinnert mich ein bisschen an Waldorf Schulen – es sieht gemütlich aus…

 

Was hat Dich die ganze Zeit angetrieben weiterzumachen, auch wenn es Widerstände und Schwierigkeiten gab?

Weil ich wie gesagt das Gefühl habe, dass es das ist, was ich tun muss. Nicht unbedingt, um den Planeten zu retten, sondern weil ich glaube, dass es sinnvoll ist in die entgegengesetzte Richtung zu laufen, wenn ein glühend heißer Lavastrom auf einen zugeflossen kommt. So einfach und grundlegend ist die Logik hinter den earthships.

Es gibt viele Dogmen sowie viel Gier, Politik und viele Wirtschaftsinteressen, die dafür sorgen, dass man die Menschen in die falsche Richtung drängt – direkt auf den Lavastrom zu. Aber wenn man sich selbst von alledem befreit, dann steht es überhaupt nicht infrage, ob man ganz schnell weglaufen sollte. Also das ist im Grunde meine Motivation. Das hält mich in Bewegung. Ja, ich will meinen Arsch retten und ein Leben haben.

 

Sorgen earthships für eine bessere Welt?

Ja, denn sie ermächtigen die Menschen. Sie ermöglichen es den Menschen, für sich selbst zu sorgen. Sie befreien die Menschen von dieser verheerenden Wirtschaftsordnung und von diesem beschissenen Biest der Politik. Sie geben den Menschen die Möglichkeit, gemütlich und bequem zu leben – auch in heißen Klimazonen. Sie geben ihnen Energie, sauberes Wasser, hygienische Sanitäranlagen, Nahrung – und das alles mit Dingen, die unsere Gesellschaft weggeschmissen hat!

Jeder Aspekt hilft den Menschen und unserem Planeten. Und – noch einmal: nicht wegen einer dieser wir-sind-so-gut-und-wollen-den-Planeten-retten-Geschichten. Nein, sondern weil es ganz schlicht logisch und sinnvoll ist. Warum sollten wir mit der Politik argumentieren und uns mit der Wirtschaft und den Konzernen herumschlagen, wenn wir ganz einfach die Dinge nutzen können, die uns zur Verfügung stehen: die Sonne, den Regen, den Wind, die Biologie, die Physik. Greift zu, nutzt all diese Dinge – und lebt euer Leben!

 

Was ist Deine Vision für die Zukunft?

Also earthship ist meine Wortmarke für die gesamte Entwicklungsrichtung. Ich würde mir wünschen, dass Tausende von Menschen in diese Richtung gehen und Produkte entwickeln, die diesen Weg verfolgen. Ich hoffe es – und ich glaube auch, dass sie das tun. Nein, ich sehe, dass sie es tun! Egal, ob das nun earthship genannt wird oder anders. Wenn sie in die Richtung dieser Logik gehen, wird sich die Welt automatisch bessern. Ich versuche das ein bisschen zu beeinflussen, indem ich sage: Hey, Leute – geht in diese Richtung und die Lava wird euch nicht die Füsse verbrennen!

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=L9jdIm7grCY[/youtube]

Ein Youtube-Video in zwei Folgen über die Bauweise und Philosophie der earthships.

Wenn jemand in Deutschland interessiert ist an earthships, was könnte er oder sie tun?

Sprecht uns einfach an. Wir haben schon viele Methoden entwickelt, mit denen die Menschen anfangen können. Das erste was sie machen können ist, das kleine Booklet zu lesen, das wir herausgebracht haben. Es heißt »Earthship – I want to have one«. Es ist nicht besonders lang und gibt eine Vorstellung davon, was die ersten Schritte sein könnten. Es hilft einem, die eigene Umgebung zu analysieren: Das Klima, die Situation et cetera. Und dann könnt ihr die ersten Schritte tun. Darüber hinaus kann man in einem earthship hier in New Mexico übernachten oder an einem unserer Praktika teilnehmen.

Weitere Informationen gibt es unter http://earthship.com/
Vielen Dank an die Community für die Bereitstellung der Bilder!

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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8 Antworten auf "Das autarke Heim: Die Recycling-Architektur der »earthships« als individualisierte Arche Noah"

  1. Stefanie 4 Jahren ago .Antworten

    Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof wird das erste genehmigte Earthship in Deutschland bauen – Start Ende September. Mehr Infos unter www-earthship-tempelhof.de

  2. Pierenkemper 4 Jahren ago .Antworten

    Hallo Leute, leider schon etwas alt diese Seite.
    In Deutschland gibt es sehr viele Bauvorschriften und es wird diese tolle Konzeption wohl nicht umsetzbar sein. Schade. Ich versuche es als Hausboot umzusetzen. Und ein Sportboot zu bauen scheint etwas einfacher zu sein. Würde mich über Kommentare freuen.

    Gruß aus OWL Wolfram

    • Nils 4 Jahren ago .Antworten

      Als boot klingt interessant. Vorallem da wir bei und in OWL ja nicht so viel gewässer haben.

      Mfg

  3. Heike 4 Jahren ago .Antworten

    Dass ich erst so spät an eine so tolle Sache gerate… – unfassbar! Aber sicher liegt es auch daran, dass es ganz offensichtlich in D ganz schön unterbunden ist – jedenfalls gibt es anscheinend auch keinerlei Literatur in deutscher Sprache… Habe jetzt den ganzen Tag am PC verbracht und konnte nicht genug sehen, aber verstehen musste ich anhand der Aufnahmen und das wird nicht ganz reichen, selbst wenn man gleich loslegen wollte und
    könnte… Schade eigentlich, denn mir rennen bereits die Jahre davon und obendrein befinde ich mich ja leider auch noch in dem systembedingten Hamsterrad, aus dem es auch so schnell kein Entkommen zu geben scheint, auch wenn ich schon ganz vieles anders mache als noch im letzten Jahr!
    Ich hoffe, dass es bald immer mehr Begeisterte auch in D geben wird, ich selbst werde jedenfalls alles in meinen Möglichkeiten für eine Verbreitung tun!
    Tolle Sache!

  4. Hermann 8 Jahren ago .Antworten

    Gute Idee. So richtige nur aus Müll ist es ja eigentlich nicht. Wo kommt z.b. der Zement her. 2% der weltweiten Stromproduktion werden z.b. nur zur Zementherstellung benutzt.
    Die Abwasserlösung könnte man auch noch galanter gestalten. Septic tank ist ja so 50er Jahre technologie. aber ansonsten find ichs prima

    • Holle 6 Jahren ago .Antworten

      Eventl könnte man auch den Strohballenbau mit einbinden oder die Permakultur wie bei Sepp Holzer 🙂

    • E.B 2 Jahren ago .Antworten

      aber besser als nichts

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