Landtagswahlen: Bei aller Demut, die Luft wird dünn

Der gestrige Wahlabend bot ein herrliches, politisches Kabarett. Eigentlich wollte ich ja „nur mal eben die Zahlen“ sehen und hatte nach einem schönen Frühlingstag so gar keine Lust auf den Politzirkus. Doch spätestens bei der „Elefantenrunde“, bei der sich die gesamte Riege aus Baden-Württemberg geradezu pflichtschuldig an die holzschnittartigen Rollen hielt, bin ich hängen geblieben. Und dann kam das süß-klebrige Betthupferl, die Anne Will-Talk Show, bei der ich Zeuge eines echten politischen Dolchstoßes werden durfte. Kein Kurs im Wundern, dafür ein fokussierter Blick in die parteipolitische Sickergrube Deutschlands. Auch wenn das rhetorische Lichtschwert von Yoda-Geißler wie in Zeitlupe durch die Luft fuhr… es traf. Mein Fazit: Da geht noch was, aber: da kommt auch was auf uns zu. Eine (Real)Satire.

Die Zahlen dürfte wohl mittlerweile jeder kennen (siehe unten) und auch die Konsequenzen. Während es in Rheinland-Pfalz (fast) nur Gewinner gab – so ließen es die Spitzenkandidaten zumindest vernehmen – gab es in Baden-Württemberg den erwarteten Denkzettel für die CDU. Die SPD schnitt gar nicht so gut ab, steht nun hinter den Grünen an dritter Stelle, aber das reicht, um die kurze Herrschaft von Stefan Mappus zu beenden. Denn gemeinsam mit den erstarkten Grünen wird man nun die Regierung stellen, wohl unter – und das ist wirklich neu – einem grünen Ministerpräsidenten. Die SPD hat also verloren und doch gewonnen. Das ist politische Arithmetik.

Einmal dissen bitte!

Viel spannender sind die Konsequenzen für den Bund, für Kanzlerin Angela Merkel (die sich gestern gar nicht erst zeigte), Vizekanzler und Außenminister Guido Westerwelle und Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Für sie lief es nun wirklich nicht so doll in letzter Zeit und nun beginnen an allen Ecken und Enden die parteipolitischen Piranjas anzugreifen. Die an den Rand Gedrängten, Drittbänkler, Nebensächler und Wunschverstärker. Und dafür war der Talk bei Anne Will anscheinend einfach klasse geeignet. Selten so gelacht über das Format. Es hat schon was von dieser kruden MTV_Show bei der sich Jugendliche gegenseitig nach ihren Kennlern-Dates „dissen“ (das Wort hat nichts mit Dissertation zu tun – oder doch?).

Herrlich… Um es mit Yoda-Geißler zu sagen: „Da können wir doch nach einer solchen Situation nicht fest klammern und sagen: es bleibt wie es ist…“ Ja, das können wir nicht, aber genau das wollten der „Generalsekretär“ der FDP, Christian Lindner, und Bundesministerin für Bildung und Forschung, Anette Schavan. Nö, ist nicht – war sich auch die Willsche Redaktion wohl im Voraus einig. Die Einspieler zeigten es. So gab sich zum Beispiel Wolfgang Kubicki, Vorsitzender der FDP-Fraktion von Schleswig-Holstein, mit dem Zitat die Ehre: „Ein „Weiter so“ kann es jetzt nicht geben. Deshalb denke ich natürlich, dass wir nun auch neue Gesichter brauchen: Die Bundestagsfraktion sollte intensiv darüber nachdenken, sich eine neue Führung zu geben.“ Und Lasse Becker, Bundesvorsitzender der Jungen Liberalen, meint sogar : „Die Partei-Vizes sind allesamt nicht mehr tragbar. Hui. „Also auch…“ so folgert die Redaktion „Cornelia Pieper und Rainer Brüderle?“.  Das riecht nach Kehraus.

Christian Lindner kam – wo man doch eigentlich Guido Westerwelle hatte sehen wollen/müssen/können – ganz heftig in die Defensive. Nicht allein wegen der Pfeile aus den eigenen Reihen. Vielmehr war es „Schlichter“ Heiner Geißler, der ihm arg zusetzte. Zunächst einmal von Anne Will nach konkreten personellen Wackelkandidaten befragt, wollte er lieber die „Schlappe“ – ist doch klar – nicht personalisieren, sondern „…mit Demut und ausreichender Zeit“ analysieren. Ich bin der Meinung, dass es hier gar nicht so viel Zeit bedürfte, aber in Zeiten der Moratorien ist das Nachdenken auf Zeit eben nun mal ein Teil der politischen Groteske geworden. Selbstverständlich würde es eine Personaldebatte geben, zumindest eine „Diskussion über die personelle und auch unsere politische Aufstellung, über Punkte im Regierungshandeln…, da gab es schon den ersten nachdenklichen Blick von Yoda. Man wolle nun zunächst einmal das Wahlergebnis „noch verarbeiten“. Drei Wochen, so seine Prognose…

Du darfst niemals vergessen: Deine Wahrnehmung bestimmt Deine Realität!
Und schon kamen mir die unzähligen, bereits ins Unterbewußtsein eingebrannten Sprüche von Yoda dem Yedi-Meister bei Star Wars in den Sinn. Irgendwie passten die meisten von ihnen auf diesen Abend. Ein Best-of gefällig? Gern:

„Du kannst Veränderungen nicht aufhalten. Genau so wie du die Sonne nicht daran hindern kannst unterzugehen.“

„Schwer zu sehen, in ständiger Bewegung die Zukunft ist.“

„Vergessen du musst was früher du gelernt.“

oder

„Du darfst niemals vergessen: Deine Wahrnehmung bestimmt deine Realität!“

Doch die Besten brachte nun mal Yoda-nicht wahr-Geißler himself. Zum Generalsekretär gewandt: „Sie entschuldigen es, wenn ich das sage, aber das Problem der jetzigen Regierungskoalition besteht halt darin, dass es die falsche Koalition ist! Nicht wahr.“ Huuu…

Und weiter:

„Ich gebe auch gerne zu… es war fast nichts anderes möglich, nach der letzten Bundestagswahl. Aber es hätte nicht soweit kommen müssen. Ich habe neulich mit jemanden aus ihrem Präsidium geredet, den ich sehr gut kenne. Die Liberalen haben eben ihren früheren Charakter… ich war Generalsekretär in einer Zeit, wo wir eine Koalition mit den Liberalen hatten… Ich bin überzeugt, dass es eine gute Koalition ist (war?). Aber das war Genscher. Das war Graf Lambsdorff und andere. Ich will sie nicht im Einzelnen aufzählen. Es war aber eine Partei die nicht so wirtschaftsradikal ausgerichtet war. Nicht wahr? Wie sich die FDP in den letzten Jahren präsentiert hat. Und von den Bürgerrechtsliberalen kann man kaum etwas entdecken. Die Frau Leithäuser-Schnarrenberg die man hier sicher nennen kann, führt ein Schattendasein…“

„In aller Demut muss ich Ihnen nun bald widersprechen…“, entfuhr es da Lindner.

Das langsamste Lichtschwert der Galaxis hatte zugeschlagen – und getroffen.

Keine Welpenschutzgedanken

So ging es noch eine Weile weiter. Großes Kino, das kann man sagen. Dabei hatte der geneigte Zuschauer nicht halb soviel Interesse daran, Häme für die FDP in ihrer verfahrenen Situation aufzubringen, wie umgekehrt die FDP gegenüber der politischen Konkurrenz. Und auch die Rolle von Heiner Geißler als Vorfeldspalter der Koalition wäre gewiss noch kommentierbar. Doch darum geht es ja eigentlich nicht mehr. Der Drops ist gelutscht, wie man so schön sagt.
Traurig eher, dass nicht Guido Westerwelle – der ja nun aktiv an der Verlängerung der Laufzeitverlängerung für unsere teils maroden Kernkraftwerke beteiligt war – sich die Ehre gab. Doch Welpenschutzgedanken für einen Generalsekretär aufzubringen fällt nun mal schwer. Deswegen kam es wie es kommen musste und man saß mehr oder weniger als nicht mal staunender Dritter da und sah sich das Ganze an, wie eine Zirkusvorstellung.

Bei den Grünen die sich gestern wirklich freuten muss man gespannt sein, was sie zum Beispiel aus Stuttgart21 machen und wie sie den Ausstieg aus der Kernenergie konkret voran treibe. Oder ob sie, wie Jürgen Trittin, nun juristisch daher kommen und sich auf die Unmachbarkeit des Ausstiegs aus dem Ausstieg berufen. Und für die FDP könnte es – um beim Bild zu bleiben – heikel werden. Deshalb hier noch ein gut gemeintes Zitat aus der Star Wars-Saga:

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Deine Worte.
Achte auf Deine Worte, denn sie werden Deine Taten.
Achte auf Deine Taten, denn sie werden zur Gewohnheit.
Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.
Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal!“

Na, wir werden sehen. Wie sagt man so schön: „In diesem Kino“.

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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2 Antworten auf "Landtagswahlen: Bei aller Demut, die Luft wird dünn"

  1. […] Marek amüsiert sich über die Reaktionen der Politiker nach den Wahlen. Prinzipiell gibt es nur Gewinner, an objektiv schlechten Ergebnissen sind nur äußere Umstände schuld. Prügelknabe der Talkrunde bei Anne Will war FDP-Generalsekretär Christian Lindner, weil sich der eigentlich Verantwortliche Guido Westerwelle ebenso wenig wie die Kanzlerin aus der Deckung wagte. Insgesamt erinnerte die TV-Show an eine MTV-Sendung, in der sich Jugendliche die ganze Zeit „dissen“; Verantwortung für schlechte Wahlergebnisse will niemand übernehmen. […]

  2. c6017 8 Jahren ago .Antworten

    German state of Baden Wurttemberg (twice the population of Scotland) likely to have Green premier following huge Green vote on Sunday.

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