Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Pfade durch Utopia

»Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war«. So beginnt der Reisebericht durch Europas gelebte Utopien von Isabelle Fremeaux und John Jordon.

Unsere utopische Vorstellungskraft ist in der erstickenden Atmosphäre der apokalyptischen Vorhersagen verkümmert. Aber gerade dann, wenn die Utopie unvorstellbar wird, ist sie am unerlässlichsten. Viele von uns fürchten, dass es nicht möglich ist, auf eine radikal andere Art zu leben. Es gibt aber immer die Möglichkeit woanders hinzugehen. Immer.

Mit diesen Worten beginnt das Buch »Pfade durch Utopia« der beiden Künstler und Aktivisten Isabelle Fremeaux und John Jordon (www.labofii.net). Sieben Monate sind die beiden mit einem Campingbus durch Europa gefahren und haben die unterschiedlichsten, utopischen Gemeinschaften, Unternehmen und Schulen besucht. Frucht dieser Exkursion ist ein hübsches Buch aus dem Hamburger Verlag Edition Nautilus sowie ein Dokumentarfilm auf begleitender DVD.

Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Permakultur & Umweltschutz: Klima Camp und Landmatters

Seinen Anfang nimmt die Reise in Großbritannien, der Heimat der beiden. Es ist Nacht. Eine Truppe nervöser Aktivisten drückt sich am Flughafen Heathrow nahe London herum. Sie planen einen Acker zu besetzen, auf dem die neue Start- und Landebahn entstehen soll, die wieder einmal das Freisetzen von Tonnen von klimaschädlicher Gase ermöglicht. Sie planen ein Camp aufzuschlagen, in denen es einen Monat lang kreativen, bunten, fröhlichen Protest geben soll. Sie sind erfolgreich und schon hat John Jordon den Leser mitgenommen in die internationale Bewegung der Protest-Camps mit ihren basis-demokratischen Entscheidungen, ihren Kompostklos und Fahrradkinos, ihren Volxküchen und Ad-Hoc-Aktionen.

Einen Monat später geht die Reise dann eigentlich wirklich los. Die erste Station ist die Permakultur-Gemeinschaft Landmatters (www.landmatters.org.uk), die die Idee und Philosophie dieser Gestaltungstheorie ernst nimmt: Sie leben in einfachen Zelthütten, ohne fließend Wasser oder Strom. Dort versuchen sie im Einklang mit der Umwelt zu leben. Ein Teil von ihr zu sein, anstatt sie auszubeuten. Sie planen und pflanzen Waldgärten – alles langfristig durchdacht und angelegt. Sie berichten von den Schwierigkeiten, auf die sie von Seiten des Rechts und der Nachbarschaft gestoßen sind. Und wie sie sie überwunden haben. Das macht Mut.

Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Anarchistische Schule & ein Dorf: Paideia und Marinaleda

Mut macht auch die anarchistische Schule in Spanien mit dem Namen Paideia (Griechisch für Erziehung/Bildung). John Jordon berichtet, wie hier bereits Dreijährige Versammlungen einberufen und leiten. Wie die Großen den Kleinen helfen. Und die Kleinen genau den gleichen Respekt genießen wie die Großen. Er schildert eine Welt, die man eigentlich – wenn man nur unser hiesiges Kindergarten- und Schulsystem kennt – kaum glauben kann: Sechsjährige, die Verantwortung für den Küchendienst übernehmen? Vierjährige, die in der Lage sind, sich in andere Kinder hinein zu versetzen und ihre Sichtweise zu verstehen? Das klingt utopisch – aber das darf es ja auch bei dem Buchtitel.

Danach kommt eine ungeplante Station: Das kleine, spanische Dörfchen Marinaleda (www.marinaleda.com) – eine Dorfgemeinschaft, die dem ehemals ansässigen Herzog Land abgetrotzt haben. Seit dem leben sie selbst verwaltet. Es gibt zwar einen Bürgermeister, doch der scheint nur pro forma gewählt zu sein. Die Gemeinschaft organisiert sich weitestgehend selbst. Zum Beispiel, wenn es um den Hausbau geht. Hier gibt es ein System aus Selbst- und gegenseitiger Hilfe, sodass jeder Bewohner von Marinaleda für wenige Euro im Monat Miete in »seinem« oder »ihrem« Haus wohnen kann.

Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Öko-Gemeinschaften: Can Masdeu, La Vieille Valette, Cravirola & Longo Maï

Wo die Menschen in Marinaleda noch recht klassisch leben und arbeiten – also mit Arbeitsteilung und festen -zeiten – sind die Menschen in den Gemeinschaften Can Masdeu (www.canmasdeu.net), La Vieille Valette (http://collectif.valette.free.fr), Cravirola (www.cravirola.com) und Longo Maï (http://coforum.de) freier organisiert. Das bedeutet nicht, dass sie weniger arbeiten. Im Gegenteil. In manchen Gemeinschaften zwingen die Schulden die Menschen sogar zu schmerzhaften Kompromissen. Und so berichtet Isabelle Fremeaux anschaulich von den kleinen und großen Sorgen, von der Geschichte und Entwicklung, von den Erfolgen und den Niederlagen.

Sie zeigt die Unterschiede zwischen den Gemeinschaften auf, die zum Teil im philosophischen Hintergrund zu finden sind, oder sich zum Teil auch aus der Entstehungsgeschichte erklären lässt. Sie schildert, wie sich die Menschen in ihrem Alltag organisieren. Welche finanzielle Basis sie haben. Und wie der Austausch und die Kommunikation mit der »Welt da draußen« funktioniert: Manche Gemeinschaften sind Teil eines Archipels anderer Gemeinschaften, andere unterhalten einen Radio- oder Fernsehsender. Wieder andere betreiben Gasthäuser inklusive Seminaren.

Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Besetzte & selbstverwaltete Unternehmen: Zrenjanin

Richtig abenteuerlich wird die Reise der Beiden in Serbien. Nicht nur, dass sie die Sprache nicht verstehen und die Kultur ganz anders ist. Es ist auch tiefster Winter und richtig kalt. Beim Lesen kommen mir unweigerlich Bilder und Gerüche in den Sinn: Überheizte, kleine Räume mit abgelatschtem Lineleumboden. Kratzige Strickpullover mit muffeligem Geruchsanteil. Vor Kälte gespannter Haut und zu kleinen Wolken gefrierender Atem beim Gehen.

Doch die Herzlichkeit und Gastfreundschaft scheint überwältigend gewesen zu sein. Genauso wie der Mut der Arbeiter: Nachdem sie vom Staat nach der Wende enteignet wurden (im ehemaligen Jugoslawien hielten die Arbeiter einen Teil der Unternehmensaktien) und die Aktien im Namen der Demokratisierung an Investoren verkauft wurden, sind sie heute dabei, wieder zurück zu holen, was einst ihnen gehörte. Denn anscheinend versuchen etliche Investoren durch Schein-Insolvenzen Geschäfte zu machen. Darunter leiden am Ende nur die Arbeiter – sie verlieren ihren Job.

Das die Arbeiter sehr wohl so ein komplexes Unternehmen wie eine Pharma-Fabrik in einem so schwierigen, globalen Markt führen können, haben sie in Zrenjanin (www.zrenjanin.rs) bewiesen. Sie sind auf dem besten Wege, ihre Fabrik in Eigenregie (wieder) rentabel zu machen – während ihre Kollegen in anderen Unternehmen noch um die Übernahme ihrer Betriebe kämpfen.

Alternative Lebensformen: ZEGG & Christiania

In einem Buch über Utopien darf das Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung, kurz ZEGG (www.zegg.de), natürlich nicht fehlen. Die Gemeinschaft, die die Siedlung eines ehemaligen Stasi-Ausbildungslagers nahe Berlin bezogen hat, ist nicht unumstritten. »Das ist so eine Art Sekte, und habt ihr nicht von den Pädophilen gehört?«, werden die beiden von befreundeten Kreuzberger Linken gefragt… Schon lange brodeln die Gerüchte um die Gemeinschaft. Natürlich auch, weil es den Menschen hier unter anderem darum geht, mit ihrer Sexualität freier und freizügiger umzugehen. Umso angenehmer liest sich der Bericht von John Jordon, der abseits dieser Vorurteile und wertfrei versucht das Leben im ZEGG zu schildern.

Geh sorgsam mit der Gegenwart um, die Du schaffst; denn sie soll der Zukunft ähneln, von der Du träumst

Christiania (www.christiania.org) steht sicherlich mindestens ebenso sehr und populär für die Idee einer Utopie wie das ZEGG. Die selbstverwaltete Kleinstadt in Kopenhagen hat sich mittlerweile zu einem der zentralen Touristen-Magneten der Stadt entwickelt. Doch Jordon und Fremeaux wissen natürlich auch hier von Dingen hinter den Kulissen zu berichten, die man als »normaler« Tourist nicht erfährt. Und so ist sie ein würdiger Abschluss für die Expedition in Sachen Utopie!

Fazit: Wenn zwei eine Reise tun, dann können sie was erzählen!

Isabelle Fremeaux und John Jordon ist gelungen, nicht einfach nur unterschiedliche Gemeinschaften und Gemeinschaftsprojekte abzuklappern. Die Stationen und Projekte sind sehr gut recherchiert und sorgfältig ausgewählt. So ergibt sich nicht nur einfach irgend eine Reise durch Europa (also in geografischer Sicht). Nein, die beiden nehmen ihre Leser mit auf eine Reise durch verschiedene utopische Philosophien, Theorien und Experimente. Das beginnt mit der Idee der Permakultur über den Anarchismus, nimmt einen Schlenker über die Basis-Demokratie, alternative Wirtschaftsformen, den Punk und natürlich die »freie« Liebe…

Der Einzige – aus meiner Sicht – nicht so gelungener Punkt ist der Film. Ich habe zunächst das Buch gelesen und freute mich, in dem Film »alte Bekannte« aus dem Buch mal in Bewegung und Farbe zu sehen. Doch der Film versucht experimentell künstlerisch zu sein, ohne es wirklich überzeugend zu tun. So gut ausgearbeitet das Konzept des Buchs ist, so sehr mangelt es dem Film am roten Faden und einer erkennbaren Geschichte. Macht aber Nichts! Denn das Buch ist es allemal wert, gelesen zu werden – nicht nur für unverbesserliche Utopisten, sondern gerade für diejenigen, die Alternativen schon längst abgeschrieben haben! Danke an John und Isabelle für die tollen Stunden mit dieser wertvollen Lektüre!

Bibliografische Angaben

Cover: Isabelle Fremeaux und John Jordon: Pfade durch Utopia

Pfade durch Utopia
Isabelle Fremeaux und John Jordon
Eidtion Nautilus
ISBN 978-3-89401-763-7
Preis: 24,90 Euro
www.edition-nautilus.de

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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2 Antworten auf "Pfade durch Utopia"

  1. ZenBarbar 7 Jahren ago .Antworten

    Lieben Dank für den Buchtipp!
    Deinen Beitrag Erde ich noch in Ruhe durchlesen.
    Ich denke auch, dass man gerade in einer Krise den Blick über den Tellerrand nicht Versagen darf. Vielleicht kommt man da auf bessere Lösungen!

    Grüße
    Werde Dein Blog abonnieren!

    ZB

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