Essen statt Tank: Ein Buch von Bernhard Knierim, Promedia Verlag

Wir fahrn, fahrn, fahrn … in den Wahn

Kaum ein Gut versinnbildlicht die egomanische Ignoranz unserer heutigen Konsumgesellschaft so sehr, wie das Auto. Da werden Tonnen von Metall und Plastik bewegt – nur damit ein Mensch nicht zum Supermarkt laufen oder mit der U-Bahn zur Arbeit fahren muss. Doch selbst dieser Wahnsinn hat einen Grund…

Der Status Quo

Ob man nun in der Stadt oder auf dem Land wohnt: Überall schieben sich kilometerlange Blechlawinen mit schlecht gelaunten bis aggressiven Fahrern durch die Straßen. Sie verschmutzen die Umwelt, verursachen Lärm und Stress und schaden auch noch der Gesundheit anderer. Und das alles im Namen der Freiheit. Soll das ein nachhaltiges, zukunftsfähiges Konzept sein? Der Biophysiker und Autor des Buches >>Essen im Tank<< Bernhard Knierim meint nein – selbst nicht mit Agrokraftstoffen, Elektro- oder Wasserstoff-Autos… Aber fangen wir von vorne an.

Essen statt Tank: Ein Buch von Bernhard Knierim, Promedia Verlag

Die Entwicklung der autofreundlichen Gesellschaft

Es ist schon erstaunlich, dass wir es als Gesellschaft schaffen, innerhalb von fast einem Jahrhundert die Erdöl- und Gas-Reserven dieser Erde fast aufzubrauchen. Ein Teil ging für einen Luxus drauf, den wir heute gar nicht mehr als solchen betrachten: Wir setzen uns in unser Auto und fahren wohin wir wollen. Wir besteigen ein Flugzeug und reisen über’s Wochenende sonst wohin. Wir lassen uns rund ums Jahr Lebensmittel und andere Konsumgüter aus aller Herren Länder schicken. Oft ist es sogar billiger, Dinge wie Jeans oder Autoradios rund um den Erdball zu produzieren. So haben viele Produkte schon viele Tausende Kilometer hinter sich, wenn sie bei uns auf der Theke landen.

>>Allein zwischen 1991 und 2008 ist der Personenverkehr in Deutschland um 15 Prozent gewachsen, der Güterverkehr sogar um 67 Prozent<<, berichtet Bernhard Knierim in seinem Buch. Und dieser Trend setze sich fort: >>Prognosen sprechen von einem wachsenden Energieverbrauch für Transport um mindestens 1,1 Prozent pro Jahr weltweit über die nächsten 20 Jahre<<. Vor allem der Luftverkehr habe sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt, Tendenz weiterhin steigend. Und im Bereich des Personenkraftverkehrs sieht es nicht anders aus: Hier steigen vor allem die Verkaufszahlen von emissionsstarken Gelände- und Luxuswagen.

Autoverkehr ist auch ein soziales Problem

Das hat beileibe nicht nur negative Auswirkungen auf den Klimawandel und den Umweltschutz. >>Verkehr ist auch ein soziales Problem<< erklärt Knierim. Der Grund: Für relativ wohlhabende Menschen funktioniert der Individualverkehr. Doch für Menschen, die kein Auto fahren können – das können Jugendliche, alte Menschen, arme Menschen oder Menschen mit Behinderungen sein – ist das ein echtes Ausschlusskriterium: Oft sind deshalb nämlich die öffentlichen Verkehrsmittel schwächer ausgebaut bzw. teurer.

Dazu kommt, dass arme Menschen meist dichter an starken Verkehrswegen wohnen, weil hier die Mieten billiger sind. Das bedeutet, dass sie stärker dem Lärm und der Luftverschmutzung ausgesetzt sind, die vor allem von den Wohlhabenden verursacht werden, die sich den Luxus langer Arbeitswege etc. leisten können. Ganz zu schweigen natürlich davon, dass wir hier im (reichen) Norden einen Großteil der Ressourcen verbrauchen, die eigentlich allen auf der Welt zustehen sollten und damit Schäden verursachen (Stichwort Klimawandel), die vor allem die Menschen in den ärmeren Ländern des globalen Südens treffen.

Schließlich ist der gigantische Autoverkehr insofern unsozial, als das ein Großteil der direkten Kosten (etwa die Krankenversorgung von Unfallopfern) und alle externen Kosten (die durch Umweltverschmutzung und Klimawandel entstehen) von allen Steuer- bzw. Beitragszahlern getragen werden müssen. Auch die, die kein Automobil besitzen und absolut gegen diesen Irrsinn sind. Echte politische Possenstücke wie die Abwrackprämie einmal ganz beiseite gelassen…

Essen statt Tank: Ein Buch von Bernhard Knierim, Promedia Verlag

Scheinlösung Agrokraftstoff und Elektroautos

Weil nun aber natürlich niemand so gerne von lieb gewonnen – wenn auch völlig idiotischen – Gewohnheiten lassen möchte, sind die Industrienationen auf der Suche nach Alternativen. Zur Auswahl stehen Agro-Kraftsstoffe, die aus sogenannten nachwachsenden Rohstoffen – sprich Pflanzen – gewonnen werden; per Elektrizität angetriebene Fahrzeuge oder Wasserstoff-Motoren. Doch auch wenn Milliarden von Steuergeldern in die Forschung und Entwicklung solcher angeblicher Alternativen fließen – keine dieser vermeintlichen Lösungen ist laut Bernhard Knierim tatsächlich eine.

Ein Beispiel: In Deutschland ist Raps die mit Abstand am häufigsten angebaute Energiepflanze (940.000 Hektar in 2010) und Biodiesel der häufigste Agrokraftstoff (etwa 2,58 Milliarden Liter in 2010). Doch selbst wenn wir nun alle Flächen zum Anbau von Raps für Biodiesel nutzen würden, könnten wir laut Berechnungen des Bundesumweltamtes nur maximal 5, realistischerweise aber eher nur 1 bis 2 Prozent des in Deutschland verfahrenen Diesels ersetzen. Wir müssten also auf die Ländereien anderer Länder zurückgreifen – mit den bekannten Auswirkungen wie Landvertreibungen, Monokulturen und steigenden Lebensmittelpreisen. Wer mehr zu der Zukunftsfähigkeit der verschiedenen Technologien erfahren möchte, dem lege dich dringlichst Bernhard Knierims Buch ans Herz!

Macht uns ein Auto glücklich?

Ja, das Auto ist für viele Menschen eine lieb gewonnene Sache. Es ist ein verlängertes Ego, eine Ausweitung des Ichs und ein ganz persönlicher Wohlfühlschutzraum. Doch macht uns Verkehr wirklich glücklich? Diese vielleicht naiv-idealistisch, aber dennoch entscheidende Frage stellt Bernhard Knierim nachdem er sich ausführlichst mit dem Pro und Contra der verschiedenen „Zukunftstechnologien“ in Sachen Auto auseinander gesetzt hat.

Denn das Vertrackte am Auto ist – unter anderem – dass es uns subjektiv gesteigerten Komfort, Bequemlichkeit und Freiheit vorgaukelt. Dagegen sind die Nachteile meist unsichtbar und scheinbar vom eigenen Fahrverhalten entkoppelt – weshalb wir die negativen Auswirkungen meist nicht den persönlichen Vorteilen gegenüberstellen (wollen). Dabei fragen sich – zum Glück – aber auch immer mehr Menschen, ob sie ein Auto nun tatsächlich besitzen wollen (und es zur Reparatur, zum Tüff und so weiter und so fort bringen wollen) – oder ob sie ohne diesen Ballast nicht eigentlich viel glücklicher und freier sind?

Essen statt Tank: Ein Buch von Bernhard Knierim, Promedia Verlag

Der Trugschluss mit der Mobilität

Doch bei genauerer Betrachtung sind selbst Teile der vermeintlich subjektiven Vorteile nur scheinbar. Knierim demonstriert dies am Beispiel Mobilität – also der Frage, wie schnell wir die Ziele erreichen, die wir anstreben. Untersuchungen haben gezeigt, dass wir seit 1929 genauso viele Wege pro Tag zurück legen – und dafür auch genauso viel Zeit brauchen!!! Das Auto macht uns also keineswegs schneller, >>mobiler<< und unabhängiger. Es scheint nur so.

Warum das so ist? Weil die Wege weiter werden. Denn mit dem Einzug des Autos haben sich die Städte, Städtchen und Dörfer verändert: Konnte früher jeder die Läden und Geschäfte zu Fuß oder per Fahrrad erreichen, die seinen täglichen Bedarf deckten, können heute in Deutschland schätzungsweise 8 Millionen Menschen keinen Lebensmittelladen mehr zu Fuß erreichen. Die Großsupermärkte auf der grünen Wiese haben den Tante-Emma-Läden bekanntlich den garaus gemacht. Ähnlich sieht es mit weiteren Wegstrecken aus: Während sich das Autobahnnetz zwischen 1950 und 2010 vervielfacht habe, sei das Bahnnetz um mehr als ein Viertel geschrumpft berichtet Knierim in seinem Buch.

Die echte Alternative zum Auto

Entsprechend sehen auch die Lösungsvorschläge von Bernhard Knierim aus: Städte und Gemeinden müssten anders geplant werden. Die lokale Wirtschaft gestärkt (und das schließt eine Umkehrung der Globalisierung mit ein!). Der öffentliche Personenverkehr müsse endlich mindestens ebenso stark von der Regierung gefördert werden, wie der Auto- und Flugverkehr – das Bundesumweltamt errechnete, dass die umweltschädlichen Subventionen des Bundes fast 50 Milliarden Euro pro Jahr betragen! Wahrscheinlich, so Knierim, seien sie aber noch viel höher…

Dass diese Kehrtwende von der Politik ausgeht, darauf sollte kein umweltbewusster und zukunftsorientierter Bürger vertrauen. Abwrackprämie, Dienstwagenprivileg und Entfernungspauschale zeigen mehr als deutlich, dass die Automobil-Lobby die Politik fest in ihrem Griff hat (Knierim widmet diesem Thema ein überaus erhellendes und empörendes Kapitel!).

Heißt also: Selbst gute Vorsätze fassen und sein Leben ändern! Eine wirklich gute Motivation ist das Buch von Bernhard Knierim. Die Passagen über die angeblichen Zukunftstechnologien ist zwar sehr technisch (und für meinen Geschmack zu umfangreich). Doch vor allem die Kapitel über Lobbyismus und die Lösungsvorschläge von Knierim öffnen die Augen. Es wird meiner Meinung nach höchste Zeit – nachdem der überbordende Fleischkonsum mittlerweile schon sehr stark hinterfragt wird – das Gleiches mit dem Autoverkehr geschieht.

Bibliografische Angaben

Buchrezension: Essen im Tank von Bernhard KnierimEssen im Tank
Warum Biosprit und Elektroantrieb den Klimawandel nicht aufhalten
Bernhard Knierim
240 Seiten, ISBN 978-3-85371-354-9
17,90 Euro
ProMedia Verlag (www.verlag-promedia.de)

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Danke für die Bilder von Petra Bork, Uwe Steinbrich, Petra Bork und Jens Märker (von oben nach unten, via pixelio.de)
Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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2 Antworten auf "Wir fahrn, fahrn, fahrn … in den Wahn"

  1. Enrico 5 Jahren ago .Antworten

    Für die Politik ist der motorisierte Verkehr ein Segen:

    1. Kein Produkt ist stärker mit einer Steuer belastet als das Mineralöl. Mineralölsteuer, KFZ-Steuer, Ökosteuer, Mehrwertsteuer.

    2. Die Automobilindustrie und ihre vor- und nachgelagerte Industrie hält eine große Arbeitnehmerschaft sozialversicherungsbeschäftigt. Bauunternehmen, Stahlwerke, Versicherungen, Banken, Straßenwacht, Reparaturbetriebe, Finanzämter, Gewerkschaften, etc., etc. An den Lohn- und Gewerbesteuern wird sich gern erfreut.

    3. Unfälle mit fast 4000 Toten im Jahr (Deutschland) erfreuen die Bestattungsunternehmen.

    4. Für die Schwerverletzten sorgen Rettungsdienst, Feuerwehr, Krankenhäuser, Rehazentren, private Pflegebetriebe. Diese Menschen wollen auch beschäftigt sein.

    Des einen Not, des anderen Brot.

    Ich bin auch für ein Zurückfahren des motorisierten Verkehrs. Der treibende Punkt ist dabei Peak Oil, die Rohstoffproblematik und eine versklavte Arbeitswelt. Aber wenn schon sich mit der Problematik befassende Leute (ICH) immer noch Auto fahren und von diesem System kräftig profitieren, dann rasen wir weiter auf die Wand mit Vollgas zu.

    Keine GRÜNE Partei wird uns retten. Ökodörfer sind ein erster kleiner Schritt. Aber am weitesten Fortgeschritten sind die Gemeinschaften der Mönche und Nonnen in den Klöstern, die sich selbst versorgen und keine materiellen Ansprüche haben.

    • ilona 5 Jahren ago .Antworten

      Hallo Enrico, kleines Feedback zu Deinem umfangreichen und interessanten Kommentar:

      zu 1. Knierim legt in seinem Buch dar, dass die dadurch eingenommenen Steuern bei weitem aufgefressen werden, durch die vielen, vielen Subventionen, die Autofahrer, -bauer und Bauwirtschaft erhalten.

      zu 2. Außerdem behauptet er, dass das Dauer-Argument mit den Arbeitsplätzen ebenfalls bei genauerer Betrachtung nicht standhält, sondern ein PR-Gag der Lobbyisten ist, um solche Unsinnigkeiten wie die Abwrackprämie durchzudrücken. Er behauptet, dass im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel bspw. genauso viele, wenn nicht sogar mehr Arbeitsplätze möglich wären – wenn wir das denn gezielt so fördern und ausbauen würden, wie den Autoverkehrt (was natürlich viel umweltfreundlicher und sozialer wäre).

      zu letztens: Ich habe aus Überzeugung noch nie ein Auto besessen. Das bedeutete z.B. auch, dass ich mal eine Zeitlang 2 Stunden mit dem Fahrrad von und zur Arbeit gefahren bin (war aber in den USA und nicht hier!). Ich glaube, dass sich Autofahrer einfach nur nicht vorstellen können, dass ein Leben ohne Auto möglich wäre. Es ist aber ganz einfach, kann ich Dir versichern! Vor allem in einer Stadt wie Hamburg… (Ich weiß, Autofahrer finden 1.000 Argumente, warum das so wichtig und unersetzlich ist, aber auf mich wirkt das schon fast wie bei Drogensüchtigen, die auch immer Argumente finden, die sie für ganz, ganz glaubwürdig halten).

      lg, Ilona

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