Ohne Auto leben, Bernhard Knierim

Autofrei(er) leben

Viele Menschen können sich hierzulande wahrscheinlich gar kein autofrei(es) Leben vorstellen. Dabei hat ein autofrei(er)es Leben ziemlich überzeugende Vorteile. Bernhard Knierim beschreibt in seinem neuen Buch, wie das geht und was man davon hat.

Das Auto und die deutsche Identität

Keine Frage: In unserem Land genießt das Auto einen ziemlich hohen Stellenwert. Es ist Statussymbol, verlängertes Ego und nationales Symbol. Kein Wunder, dass Autos und Autofahrer*innen hierzulande auch entsprechende Sonderrechte genießen. Die Städte und Verkehrsnetze sind autofreundlich ausgerichtet. Das Steuerrecht macht Autofahrer*innen dicke Geschenke. Etliche Kosten – die etwa aufgrund von Umweltverschmutzung, Luftverschmutzung oder Unfällen entstehen – tragen nicht etwa die Autofahrer*innen, sondern die Allgemeinheit.

Selbst die rechtliche Bewertung von Vergehen zeigt sich, wie der Verkehrswissenschaftler Bernhard Knierim in seinem neuen Buch „Ohne Auto leben“ schreibt, Autofahrer*innen-freundlich: Während Falschparken – selbst dann wenn es Ursache für Unfälle sein kann – lediglich eine nicht besonders teure Ordnungswidrigkeit ist, ist Schwarzfahren im öffentlichen Personennahverkehr nicht nur wesentlich teurer – im Wiederholungsfall wird schnell eine echte Straftat daraus (und das obwohl hier niemand gefährdet wird, anders als u.U. beim Falschparken). Autofrei(er) leben wird einem in Deutschland als auch nicht unbedingt leicht gemacht

Autos sind bequem, schnell und günstig?

Da ist es kein Wunder, dass Autos so bequem und auch günstig zu sein scheinen. Ein Mythos, der bei näherer Betrachtung nicht hundertprozentig stimmt, wie Knierim in seinem Buch belegt. Sicher, die ausgiebig Nutzung von Autos hat zu einer Infrastruktur geführt, die den Besitz eines Autos notwendiger macht. Doch selbst dann hat das Auto so manche Nachteile, die Autofahrer*innen lieber nicht mit in ihre Betrachtungen einbeziehen – und die autofrei(er) leben als echte Alternative erscheinen lassen:

  • Autos sind umweltverschmutzend und gefährlich: Den meisten ist klar, dass der Autoverkehr erheblich zur Klimakatastrophe beiträgt, die Luft belastet, erhebliche Ressourcen verbraucht und auch noch Leib und Leben von Passanten gefährdet. Diese Nachteile lassen sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht durch selbstfahrende Autos, Elektroautos oder Agro-Sprit beheben… Wer die Umwelt schützen und achten will, muss lernen, auf das Auto zu „verzichten“. Doch so viel Verzicht ist das vielleicht ja gar nicht, wenn man sich mal überlegt, was Autos noch so für Nachteile haben…
  • Autos sind teurer als öffentliche Verkehrsmittel: Viele denken, dass ein Auto günstiger kommt, als das Reisen mit ÖPNV oder Zug. Das stimmt jedoch nicht. Rechnet man alle Kosten ein, so betragen die monatlichen Aufwendungen für einen Kleinwagen ohne besonderen Luxus laut Knierim 400 Euro. Ein Porsche Cayenne Turbo S soll es auf 2.626 Euro bringen (die Zahlen hat er vom ADAC). Das ist wesentlich teurer, als die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
  • Autos sind ungesund: Und zwar nicht nur für die Passanten, die die Abgase und den Feinstaub einatmen müssen – sondern auch für diejenigen, die in ihren Autos sitzen. Wären sie zu Fuß gegangen, mit dem Fahrrad gefahren oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, hätten sie sich bewegt, sie hätten weniger Stress und mehr frische Luft gehabt. Alles Faktoren, die zu einem längeren, glücklicheren und gesünderen Leben beitragen.
  • Autos kosten mehr Zeit: Zwar scheint es so, als ob man vor allem bei kürzeren Strecken und solchen in abgelegene Orte auf dem Land, mit dem Auto schneller vorankommt. Dafür muss man aber auch viel Zeit in die Auswahl, Wartung, Pflege und Parkplatzsuche der Autos investieren.

Autofrei leben, so geht’s

Was mir persönlich besonders gut gefällt an dem Buch von Bernhard Knierim ist, dass neben den überzeugenden Argumenten für autofrei(er) Leben auch praktische Tipps gibt, wie dieses denn aussehen kann. Da ich schon immer autofrei lebe, sind sie allesamt für mich nicht neu. Aber ich kann dadurch auf jeden Fall bestätigen, dass es genau die Tipps sind, die du brauchst, wenn du dein Leben autofrei(er) gestalten möchtest.

Die folgenden Fragen erörtert Knierim in seinem Buch – und das sind auch die Fragen, die du dir stellen kannst, wenn du autofrei(er) leben möchtest:

  • Welchen Wohnort wähle ich, wenn ich autofrei(er) leben möchte?
  • Was spricht (für mich) für ein komplett autofreies Leben? Was für ein autofreieres?
  • In welchen Fällen ist mein Fahrrad eine gute Alternative? Welche Ausrüstung brauche ich, damit ich zu jeder Jahreszeit mit meinem Fahrrad fahren kann?
  • Wann ist der ÖPNV eine gute Alternative zum Aut0? Und was brauche ich dafür?
  • Wäre es für mich sinnvoll, mir ein Auto mit anderen Menschen zu teilen oder Car-Sharing zu nutzen, anstatt mein eigenes Auto den größten Teil des Tages herumstehen zu lassen?
  • Kann ich Fahrgemeinschaften bilden?
  • Was kann ich in meiner Nähe einkaufen? Und brauche ich dafür noch etwas, wie zum Beispiel Satteltaschen oder einen Fahrradanhänger?
  • Kann ich komplett auf ein eigenes Auto verzichten, wenn ich mir große Dinge liefern lasse oder mit dem Lastentaxi abhole?
  • Welche Ausflüge kann ich ohne Auto machen?
  • Wie kann ich meinen Urlaub ohne Auto (und möglichst auch ohne Flugzeug) planen?
  • Kann ich einige Wochen einfach mal ausprobieren, wie ein Leben ohne Auto funktioniert (sogenanntes Autofasten)?

Mein Fazit

Das Buch liefert viele wichtige Argumente, warum ein autofreies Leben ökologischer und auch sozialer ist. Toll finde ich, dass Knierim diese durch praktische Tipps und Handlungsanleitungen ergänzt. Es wendet sich damit an alle, die meinen, ein Leben ohne Auto wäre gar nicht möglich – aber in einer positiven, ermutigenden Weise.

Das Buch ist schnell und unterhaltsam zu lesen und damit in meinen Augen nicht nur was, was man sich selbst einmal holen sollte. Man kann das Buch auch gut an andere verschenken, die gerade dabei sind, über ein autofrei(er)es Leben nachzudenken.

 

Cover: Ohne Auto Leben Ohne Auto leben

Handbuch für den Verkehrsalltag

Autor: Bernhard Knierim

14,90 Euro

ISBN: 978-3853714133

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Bild: wittco.gmbh
Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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3 Antworten auf "Autofrei(er) leben"

  1. Buntraum (Nadine)
    Buntraum (Nadine) 8 Monaten ago .Antworten

    Wir leben mitten in Wien und ein Auto wäre Stress pur. Unsere 3 Kinder lieben das Lastenrad auch sehr und den Fahrradanhänger. Uns fehlt nix, wir sind froh, nicht auszudenken die Kosten, die so ein Auto noch verursacht. Aber ja, das ist halt in der Stadt wirklich einfacher als am Lande… Die Kinder fragen manchmal „Warum haben wir kein Auto?“ und ich freue mich ihnen das dann sagen zu können. Sie dürfen früh genug lernen, was Sinn macht und was nicht.
    Liebe Grüße!!

  2. Gabi Raeggel
    Gabi Raeggel 8 Monaten ago .Antworten

    Autofrei(er) leben: Ich lebe seit einigen Monaten autofrei – und bin sehr froh darüber. Der Aufwand für so ein Auto ist so hoch: Es ist mir die Sache nicht wert.

    Tatsächlich spielt der Wohnort eine wichtige Rolle. In unmittelbarer Nähe gibt es Geschäfte für den täglichen Bedarf, sowie Bus, Straßenbahn und S-Bahn.
    Carsharing habe ich wieder abgeschafft. Die Monatsgebühr von 6€, um den Eigenanteil an der Versicherung im Schadensfall niedrig zu halten, rechnet sich nicht. Ich nutze es so sleten, dass ich für die insgesamt 72€ im Jahr ebenso gut ein Taxi nehmen könnte.

    • ilona
      ilona 8 Monaten ago .Antworten

      Ja, wir machen es genauso: Wenn irgendwas ist, dann nehmen wir ein Taxi. Auch für größere Transporte oder so. Das ist immer noch viel, viel günstiger als ein Auto (allerdings wohnen wir auch in Hamburg mit einem super ÖPNV)…

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