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Buchtipp: Die Menschheit schafft sich ab

Autor und Astrophysiker Harald Lesch, vielen bekannt aus Wissenschaftsmagazinen im ZDF, und sein Co-Autor Klaus Kamphausen gehen mit ihrem neuen Buch mit der Menschheit ins Gericht. Auf über 500 Seiten liefern sie uns einen planetaren Stand der Dinge – und der ist weiß Gott nicht gut.

Harald Lesch kann gut erklären. Es bringt Spaß und ist kurzweilig, ihm dabei zuzuhören. Und man merkt ihm an: er redet gern. Als Professor für Physik und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie muss er das auch. Und er hat viel zu erzählen. In seinen Magazinen im ZDF, Leschs Kosmos, Frag den Lesch, Faszination Universum, Lesch to go, Meilensteine der Forschung oder Per Lesch durch die Galaxis gibt es eigentlich kaum ein Thema zwischen Himmel und Erde welches der Astrophysiker noch nicht behandelt hat. Durchaus mit spitzer Zunge und einem Enthusiasmus der uns mitnimmt. In der letzten Zeit holt er häufiger auch so manches heiße Eisen aus dem Feuer und zeigt sich gegenüber Technik und Wissenschaften durchaus kritisch. Immer aber mit hinreichend Fingerspitzengefühl und sanft rührig-humoriger Note. Man hat den Eindruck, im Grund mag er die Menschheit, doch ist er mit ihr nicht ganz im Reinen. Warum, das belegen er und Co-Autor Klaus Kamphausen in ihrem neuen, schweren Wälzer von über 500 Seiten: „Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän“.

Macht Euch die Erde Untertan

Wenn man das Buch aufschlägt uns sich in das Inhaltsverzeichnis hinein liest denkt man: „Oh je, das ist Arbeit“. Doch in dem Augenblick, wo man mit dem Lesen beginnt wird klar, dies ist kein graues Fachbuch für Wissenschaftler, sondern eine gut grundierte Mahnung an uns alle: die Menschheit. Es beginnt ganz am Anfang, dem ersten Moment allen Seins auf Erden, begleitet die Entwicklung des Lebens, die lange Zeit des planetaren Werdegangs, die Entstehung der Arten, aber auch die großen Massensterben, um sich dann der Menschwerdung zuzuwenden. Ja, eben genau jener Spezies die ihr Motto: Mach Euch die Erde Untertan“ zeither ganz schön wörtlich nimmt. Dem „Anthropozän“, das Menschenzeitalter, welches insbesondere die letzten 2000 Jahren so tiefe und gravierende Spuren hinterlassen hat. Der Mensch der, wie es im Klappentext heißt: „…in einer bisher nie gekannten Hybris den Ast, auf dem er sitzt, absägt“. Und das beschreiben die Autoren so ausführlich und plastisch, dass es schmerzt. Sie beleuchten den unbändigen Entdeckergeist des Menschen, aber auch seine unersättliche Gier nach mehr und die damit verbundene Zerstörungskraft. So kämpft man sich mit ihm über hunderte von Seiten durch die ökologischen, aber auch sozialen und kulturen Probleme unserer Zeit. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Beim Lesen unterdrückt man seine natürliche Neigung auf Lösungen zu hoffen, denn irgendwann – vielleicht auf der nächsten Seite – kommen doch wohl endlich die Lösungen aus diesem Dilemma… Oder gibt es gar keinen Grund ein bisschen optimistisch zu sein? Auch wenn man ganz anders lebt und versucht, sein eigenes Leben anders zu gestalten. Wird man trotzdem einfach mit abgeschafft?

Die Welt retten

Keine Frage, man kann nicht aufhören zu lesen. Auch wenn das Herz schmerzt und der Klos im Halse wächst. Doch irgendwann stößt man auf sie; auf die Seiten der Verheißung und Hoffnung. Im Kapitel 38 (!) nehmen uns Lesch und Kamphausen mit auf eine kleine Fantasiereise. „Einmal die Welt retten“ ist es übertitelt und man wird nervös: Denn nun geht es um die so wichtige Sicht auf die Hoffnung, auf die positive Vision, das zumindest Machbare und das – vielleicht – doch richtige Leben im falschen. Es geht um das Aufkommen der Umweltbewegung, neue Parteien, grüne Ideen. Die beiden lassen Menschen zu Wort kommen, deren Vorstellungskraft weit hinaus reicht und die für uns einen Schimmer am Horizont ausmachen. Richard Buckminster Fuller, Architekt, Konstrukteur, Visionär, Designer, Philosoph und Schriftsteller erzählt etwas über eine „neue Wahrnehmung des Menschen“. Lesch bezieht sich auf das 1975 erschienene Buch „Ein Planet wird geplündert“ (welches auch mich seinerzeit sehr beeinflusst hat) von Herbert Gruhl, erst CDU-Abgeordneter, dann GAL/Die Grünen und Mitgründer der ÖDP. Sodann Dr. Klaus Seitz, Leiter Abteilung Politik von Brot für die Welt, Klaus Mike, Mitbegründer und Vostandsvorsitzender von Germanwatch und Initiator und Vorsitzender der Stiftung Zukunftsfähigkeit und Mitinitiator und Beiratsvorsitzender von atmosfair. Er schreibt über Greenpaece und den WWF. Es kommt also etwas Hoffnung auf, die allerdings dann wieder einen kleinen Dämpfer erfährt.

Der Mensch ist unbelehrbar

Bevor Harald Lesch und Ralf Kamphausen den Leser wieder sich selbst überlassen, führen sie den Physiker und Biologen Prof. Ernst-Peter Fischer ins Feld. Dieser mahnt, zu Recht, die Unbelehrbarkeit des Menschen an. Fischer sieht eine natürliche Grenze menschlicher Lernfähigkeit, was natürlich impliziert, dass wir es womöglich am Ende eben doch nicht packen werden. Dass wir an unserem eigenen Anspruch zugrunde gehen – dem Anspruch des rastlosen Entdeckergeistes, des ewigen Wachstums, des gelebten Egoismus, die es vielleicht unmöglich machen, wirklich funktionierende Gemeinschaften zu bilden, in denen persönliche Ziele und Gruppenziele nicht nur koexistieren, sondern gleichwohl gedeihen können. Ob wir dazu imstande sind das längst fällige (föderative?) globale Dorf zu schaffen. Doch ohne jetzt zu spoilern, also zu viel zu verraten: Das Buch verbreitet letztlich doch Hoffnung. Nur ist es eben kein Hoffnung-to-go, kein Rundumrezept zur Rettung der Welt. Wenn, so scheint es, wir diesen schönen blauen Planeten erhalten wollen – der lange Jahre ohne uns auskam und womöglich auch gut ohne uns auskommen wird – so müssen wir uns diese Perspektive erarbeiten. Die Welt ist nicht mit der Fernbedienung, bequem vom Sofa aus, rettbar. Nicht, nachdem wir ihr so zugesetzt haben und weiter zusetzen. Und so ist „Die Menschheit schafft sich ab“ kein Titel der es uns leicht macht, sondern zeigt, was dort in der Waagschale liegt: Unser aller Zukunft.

Wir empfehlen das Buch allen die gern und viel lesen, sich von der Größe der Problematik nicht abschrecken lassen. Harald Lesch versteht es seine Häppchen so zu verteilen, dass man gut kauen muss, sich aber niemals daran komplett verschluckt. Ein Buch das in die Zeit passt und dem wir Beachtung und Erfolg wünschen.

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Biblio­gra­fi­sche Anga­ben zum Buch

Die Menschheit schafft sich ab –
Die Erde im Griff des Anthropozän
Harald Lesch/Klaus Kamphausen
Ver­lag: Komplett-Media
520 Sei­ten
ISBN 978-3-8312-0424-3
Preis 29,95

 

 

Bildquelle: © Dietmar Meinert / pixelio.de

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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Eine Antwort auf "Buchtipp: Die Menschheit schafft sich ab"

  1. Steph 2 Jahren ago .Antworten

    evor Harald Lesch und Ralf kamphausen den Leser wieder sich selbst überlässt, führen sie den Physiker und Biologen Prof. Ernst-Peter Fischer ins Feld.

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