Es geht nicht um Energiewende oder 2-Grad-Klimaziele. Es geht darüber hinaus, nämlich: Wie können wir einen Standard der Menschlichkeit wahren, der durch eine unökonomische Wirtschaftsweise in Gefahr ist?

Der Gründer der Stiftung Futurzwei Harald Welzer und der Leiter des Forschungsbereichs Klima, Kultur & Nachhaltigkeit am Norbert Elias Center (NEC) Bernd Sommer machen sich in einem neuen Buch mit dem Titel „Transformationsdesign“ gemeinsam darüber Gedanken, welche Dimensionen der so dringend notwendige Wandel unserer Gesellschaft eigentlich tatsächlich haben müsste – und wie er zu bewerkstelligen sein könnte.

Es geht um mehr als 2-Grad-Klimaziele

Ihre These: Energiewende und 2-Grad-Klimaziele reichen beileibe nicht aus, wenn wir als Menschheit nicht nur irgendwie überlegen wollen, sondern wenn wir die zivilisatorischen Errungenschaften – wie Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung und so weiter – behalten wollen.

„Nicht ein Land zeichnet sich durch einen sehr hohen menschlichen Entwicklungsstandard und ein nachhaltiges ökologisches Belastungsniveau aus. Genau darum geht es aber, wenn wir uns eine zukunftsfähige, moderne Gesellschaft vorstellen“.

Denn, so ihre These, es geht um mehr, als einer Wirtschaft ein grünes Mäntelchen umzuhängen. Wir stecken mittendrin in einem Machtkampf um Privilegien, Macht und Geld, wie wir es in der Geschichte zum Beispiel bei der Industriellen Revolution, der Abschaffung der Sklaverei oder der Emanzipation der Frauen gesehen haben…

Wie Wandel bisher geschah

Womit wir sogleich bei der sehr spannenden Frage sind: Wie ist Wandel denn bisher in der Menschheitsgeschichte geschehen? Und könnten wir daraus lernen, wie wir den derzeitigen Wandel positiv gestalten, „designen“ könnten?

Denn eines ist klar: Auch die Manchester Kapitalisten im England der Industrialisierung oder die Plantagen-Besitzer in Zeitalter der Sklaverei hätten Bein und Stein darauf geschworen, dass sie ohne die miesen Arbeitsbedingungen respektive Sklaverei nicht konkurrenzfähig seien, bankrott gehen und somit keine Arbeitsplätze mehr zur Verfügung stellen könnten – Argumente, die man heute auch hört.

Was dennoch den Wandel unaufhaltsam werden ließ, so Welzer und Sommer, war, dass die geforderten Bedingungen – Abschaffung der Sklaverei, Einführung von Arbeitnehmerrechten oder auch Gleichstellung der Frau – eben nicht die Variable zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit war. Vielmehr waren diese menschlichen Grundbedingungen die Konstante – die wirtschaftlichen Faktoren hatten sich als Variablen dem entsprechend zu verändern.

Umweltschutz ist eine soziale Frage

Anders sieht das bislang beim Klima- und Umweltschutz aus: Solange wir ihn uns scheinbar „leisten“ können, kommen wir voran. Doch die erstbeste Andeutung einer sich abflachenden Wachstumskurve lässt sofort sämtliche Bemühungen hinten anstehen. Anders wäre dies, wäre Umweltschutz eine soziale Frage (was sie ja auch tatsächlich ist, denn Menschen, Tiere und Pflanzen werden benachteiligt oder sterben gar aufgrund von Klimawandel, Umweltverschmutzung und klimabedingten Wetterkatastrophen).

„Erst auf der Ebene des Sozialen entscheidet sich die Frage, wie eine Gesellschaft eigentlich aussehen soll … Die Antwort darauf bildet die unabhängige Variable. Wenn eine solche Antwort gleiche Lebenschancen und Überlebensbedingungen für alle Menschen vorsieht, muss man die Wirtschaftsweise (abhängige Variable) so einrichten, dass sie diese Gleichheit erlaubt. Wenn die Antwort einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen (als abhängige Variable) vorsieht, muss der gesellschaftliche Metabolismus so gestaltet werden, dass er nicht mehr verbraucht als nachhält“.

Theoretisch ist das nicht allzu schwer nachzuvollziehen. Doch die Frage, vor der wir derzeit alle stehen ist: Wie können wir das praktisch umsetzen?

Monetäre Anreize reichen nicht

An eine Umsteuerung durch die Kapitalisierung der Ressourcen – Stichwort Klimazertifikate – und die Green Economy – bei der sich das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenverbrauch abkoppelt und somit Wachstum ohne Ressourcenraubbau möglich ist – glauben beide Autoren nicht. Vielmehr vertreten sie die Idee einer Postwachstumsgesellschaft, auch wenn beide einräumen, dass hier noch zu wenig konkrete Konzepte vorlägen, wie dies in der Praxis denn nun aussehen soll.

Nichts desto trotz sind sie optimistisch, dass so ein Umbau möglich wäre. Oder besser gesagt: Sie sehen keine Alternative zu einer Wirtschaftsweise, deren Wachstum aufhört sowie zurückgeht – in einer Welt der endlichen Ressourcen. Zumal die beiden bezweifeln, dass Wirtschaftswachstum in unseren westlichen Gesellschaften tatsächlich noch eine stabilisierende Funktion hat. Und schaut man sich die zunehmenden Blasen an, die das starke Wachstum an den Finanzmärkten begleitet, ist man geneigt, dem zuzustimmen…

Transformationsdesign gestaltet Wandel

Doch wie soll er nun gehen, der Wandel? Eine einfache Lösung haben auch die beiden Autoren nicht. Aber sie fordern die Soziologie in Kooperation mit anderen Wissenschaften dazu auf, sich diesem Thema zu widmen – nachdem sie jahrzehntelang eher die Stabilisierung, als die Veränderung untersucht hat. Und sie überlegen, wie eine wissenschaftliche Disziplin des Transformationsdesign denn aussehen kann?

Eine solche Disziplin muss notwendigerweise interdisziplinär sein. Künstler müssen beteiligt werden, Soziologen, Psychologen, Naturwissenschaftler, Designer, Ingenieure… Und vor allem auch: Die „normale“ Bevölkerung. Anhand einiger Beispiele – wie der Transition-Town-Bewegung, der Degrowth-Bewegung, der Bewegung der Gemeinwohlökonomie, des OpenSource und der Commons – zeigen die beiden auf, dass Wandel sowohl bereits stattfindet, als auch gestaltbar ist.

Der Wandel ist machbar

Das stimmt positiv. Zumal Welzer und Sommer auch beschreiben, was die Soziologie über gesellschaftliche Veränderungen sowie Konstitutionen weiß: Materielle und mentale Strukturen bedingen sich gegenseitig. Ein Beispiel: Der „Homo Oeconomicus“ ist wissenschaftlich schon längst widerlegt – es gibt ihn nicht. Dennoch ist die Vorstellung von ihm in unserer Gesellschaft noch sehr präsent – und erzeugt ein entsprechendes Verhalten… Das lässt sich aber natürlich auch umgekehrt denken: Wir meinen den Wandel bereits in unserer Welt zu erkennen – und erzeugen ihn damit…

Sozial-ökologische Tranformationen bedeuten daher nie nur die Formierung der äußeren Bedingungen, sondern immer auch die der psychischen Struktur der Menschen – also ihrer Wahrnehmungs- und Deutungsweisen, ihrer Selbstbilder, ihrer Emotionen, ihren Habitus.

Da die Transformation solcher kulturell-mentaler Formationen vor allem aus unbewussten Praktiken, Routinen, Gewohnheiten, Wahrnehmungsmustern etc. bestehe – so Welzer und Sommer – müssten wir ihre Veränderung vor allem praktisch vornehmen.

Auch wenn das Buch somit keine einfachen Rezepte liefert – die Darstellung der Dimensionen – sowohl auf der Seite der Notwendigkeit, als auch auf der der Möglichkeiten – motiviert. Wir sind gespannt, in welche Richtung sich das Transformationdesign künftig entwickeln wird!

 

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Transformationsdesign: Wege in eine zukunftsfähige ModerneBibliografische Angaben

Transformationsdesign. Wege in eine zukunftsfähige Moderne
Bernd Sommer, Harald Welzer
ISBN 978-3-86581-662-7
oekom verlag München (www.oekom.de)

Preis 19,95 Euro / Buch bestellen und Gutes tun!

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