7Talks für eine bessere Welt [Teil 4/7] – Gesundheit & Ernährung

In der vierten Folge unserer experimentellen Talkreihe, 7Talks, haben wir Harald Lemke, Professor für Kul­tur­theo­rie, Kul­tur­for­schung und Künste im Bereich Phi­lo­so­phie an der Leuphana-Universität Lüne­burg sowie Gas­tro­so­phie an der Uni­ver­si­tät Salz­burg, zu Gast. Es geht um die Frage: „Wie können wir unsere Nahrungsmittelproduktion und Ernährungsgewohnheiten umstellen?“

1. Runde

Die Momentaufnahme

Es gibt den schönen Spruch: „Du bist, was Du isst!“ Dieser Satz stammt von dem Philosophen Ludwig Feuerbach. Eigentlich denkt man, damit ist schon alles gesagt – ich muss nur ein paar Dinge beachten, gut essen etc. und schon ist das riesige Problem, das wir im Bereich Ernährung haben, gelöst. Aber das ist nicht so: Fast Food, Fettsucht, Massen- und Überproduktion auf der einen Seite. Unterernährung und Hungerkatastrophen auf der anderen. Das Thema ist wirklich überdimensional. Es ist global. Es geht alle was an und jeder steckt mit drin. Unsere globale Esskultur ist gehörig aus den Fugen geraten. Sie beschert uns nicht nur Lebensmittelskandale, unfaire Produktions- und Handelsbedingungen und unsägliches Leid für die Tiere. Sondern führt auch bei vielen Menschen zu einem achtlosen Umgang mit dem Nahrungsmittel an sich.

Doch genau das wollen immer mehr Menschen nicht mehr. Sie wollen etwas unternehmen. So gibt es eine wachsende Bestrebung die Esskultur grundsätzlich zu verändern. Es gibt Alternativen. Es gibt viele neue Möglichkeiten.


Die Zielfrage

Aber was muss geschehen, um eine Ethik des Essens zu etablieren? Wie können wir den Hunger in der Welt beseitigen, und die gewaltigen Schäden an der Umwelt, den unser Umgang mit der Nahrung mit sich bringt? Die Zielfrage für diesen Talk lautet:

„Wie können wir unsere Nahrungsmittelproduktion und Ernährungsgewohnheiten umstellen?“


7Talks / Gesundheit & Ernährung


Die Themenfelder

In der ersten Runde konnten sowohl unser Talkgast Harald Lemke, als auch die Zuschauer Themenfelder vorschlagen, die sie für besonders wichtig und problematisch halten:

Relevanz der Ernährung kommunizieren

Harald Lemke: „Wir müssen uns klar machen, dass Ernährung keine Privatsache ist. Es ist ein Weltgeschehen, an dem wir teilnehmen. Und wir sind hier auch gefordert als ethische Subjekte. Wir machen schon mit, wenn wir im Supermarkt billige Produkte kaufen. Wir machen aber auch mit, bei einer Ernährungswende, wenn wir uns z.B. um Stadtgärten kümmern und selber anbauen, Bio und vielleicht vegan. Es gibt hier viele Möglichkeiten und sich das klarzumachen, ist schon ein riesiger Schritt. Denn das führt dazu, dass man Handlungsoptionen eher nutzt. Es geht also vor allen Dingen um das Bewusstsein der Größe des Themas.“

Vermeintliche Komplexität

Harald Lemke: „Wir machen uns sehr leichtwillig über die verschiedenen Funktionsoptionen unseres Handys Gedanken. Und da kommt auch keiner auf die Idee und sagt: Mein Gott, wie beherrscht Du nur so ein kompliziertes Gerät? Es ist das eine sich klarzumachen, dass es eine große Sache ist – sehr komplex und vielschichtig. Aber gleichzeitig ist es auch nicht so schwierig. Dieser Umdenkprozess findet statt. Jeder von uns redet über diese gastrosophischen Themen heute. Wir müssen uns dabei ein Stück weit noch Zeit geben. Wir denken immer: Die Revolution, das ist ein Tag – und dann ist am nächsten Tag ist alles anders. Man kann Häuser besetzen, Regierungsgebäude, man kann auch Verfassungen neu schreiben, aber Ernährungsgewohnheiten brauchen einfach etwas länger. Nicht unter den Zeitstress setzen lassen, dass man bis morgen alles fertig machen muss.  Morgen Veganer sein. Morgen zu Geld kommen, um alles richtig korrekt einzukaufen. Es geht eben auch immer um eine graduelle Annäherung.“

Gentechnisch veränderte Lebensmittel

Zuschauerin: „Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind das größte Problem. Und es ist nicht nur Monsanto, es ist auch Bayer. Das geht auch von uns in Deutschland aus.“

Wirtschaftsinteressen

Zuschauer: „Allein die ganzen vorhandenen wirtschaftlichen Interessen, inklusive der Lobbyorganisationen. Also all diejenigen die ein Interesse am Status Quo haben, deren Macht muss man umgehen, um etwas verändern zu können. „

Fleischkonsum

Zuschauerin: „Ich glaube, dass einer der größten Fehler der hohe Fleischkonsum ist, der für jeden Einzelnen, für das Klima und den ganzen Planeten schädlich ist.“

Intransparenz

Zuschauerin: „Es fehlt an Transparenz, dass heißt, die Menschen haben nicht mehr genügend Kontakt dazu: Wo kommen die Sachen wirklich her? Wo werden sie angebaut? Wie leben die Tiere? Sie müssen sie nicht selbst töten, um sie zu essen.“

Kein Bildungsthema

Zuschauerin: „Es wird in der Bildung für das Thema Ernährung kein Raum geschaffen.“

Lebensmittel-Dumping

Zuschauer: „Für mich ist eines der Hauptprobleme, dass wir für gutes Essen nichts bezahlen wollen. Gerade in Deutschland ist es so, dass wir einen Mittagstisch für 4,80 EUR bekommen. Da frage ich mich, wo bleibt denn die Gewinnmarge für den Gastronom? Und selbst Sterneköche können oft von dem was sie zubereiten gar nicht richtig leben. Ich habe letztens gelesen – und fand das sehr erhellend – dass sie sich nur gut halten können, wenn sie nebenbei ein gut laufendes Hotel unterhalten und darüber die Küche subventionieren können. Das ist in anderen Staaten vielleicht ganz anders. Da mag man z.B. in Frankreich auch mehr für hochwertige Lebensmittel ausgeben.“

Somatische Intelligenz wiederfinden

Zuschauerin: „Ein Problem das wir haben ist, dass wir Menschen eigentlich ein gutes Gefühl dafür haben was der Körper braucht; das der Organismus so ausgerichtet ist, dass er weiß was er braucht. Aber da wir uns ganz viel nach Regeln ernähren und darauf schauen, wie andere Leute sich ernähren, eben dieses Gefühl verloren haben. Und wir müssen daran arbeiten, diese Verbindung wieder herzustellen.“

Zu viel wird weggeworfen

Zuschauerin: „Es geht viel zu viel Essen verloren. Angefangen von den Feldern, über die verarbeitende Industrie, die Supermärkte, bis hin zum Verbraucher.“

Schlechte Nahrungsmittel sind teurer

Zuschauerin: „Irgendetwas ist im System verkehrt, wenn schlechte Nahrungsmittel teurer sind als gute. Da müsste etwas gedreht werden: Bio und das was gut ist müsste viel billiger sein als das was schlecht für uns und die Natur ist.“


2. Runde

Szenarien für eine bessere Welt

In der 2. Runde haben wir gemeinsam positive Szenarien und Lösungsansätze gesammelt.

Primat des Einzelnen vor Politik und Wirtschaft

Harald Lemke: „Die Ernährungsthematik hilft, ein Primat der Praxis, bzw. des Einzelnen vor Politik und Wirtschaft zu denken. Denn oft ist es so, dass wir denken, Veränderungen muss von denen da oben ausgehen. Von den Politikern, der Wirtschaft, den Mächtigen…“

Weniger Billigprodukte essen

Harald Lemke: „Natürlich, wenn wir weniger Fleisch essen – dem Billigzeug im Supermarkt. Wir wissen alle, das ist irgendwie für viele nicht gut. Nicht nur für uns nicht gut, auch für den Planeten, für die Tiere usw. Billigprodukte in jeder Form. Wir haben immer mehr die Option andere Produkte zu kaufen. Greift zu, macht´s!“

Prioritäten setzen

Harald Lemke: „Es gab das Argument mit den 4,80 EUR. Das stimmt, da gibt´s Probleme. Man braucht gewisses Geld, um die ethischen Handlungsoptionen wahrzunehmen im Supermarkt, aber wir haben noch nie so wenig Geld ausgegeben – im Vergleich – für Lebensmittel, wie jetzt. Es sind die Prioritäten. Das Auto ist den meisten viel wichtiger, oder Einrichtung usw.“

Relokalisierung

Harald Lemke: „Sich beteiligen an der Relokalisierung, der Nahrungsmittelproduktion vor Ort. Stichwort: Urbanes Gärtnern. Mitmachen! Neu anfangen! Wir brauchen Nahrungsproduktion an jeder Ecke der Welt. In jeder Stadt. Überall. Da gibt es sehr gute Gründe, dass das alternativlos ist, wenn wir einen Planeten wollen, der eine Zukunft hat und so aufgebaut ist, dass alle gut essen.“

Mehr selber kochen

Harald Lemke: „Sich Zeit nehmen und zusammen mit anderen genießen. Der Handlungsbereich der Ernährung ist dafür prädestiniert, um sehr konkret zu werden und zu sagen was es heißt, Utopie in die Welt zu bringen.“

Sich über die Grenzen des Ethischen klar werden

Harald Lemke: „Wir reden immer über das Bessere. Vielleicht ist das Bessere auch nur eine Option, die viele gar nicht interessiert. Einmal weil sie verdienen und zwar nicht am Besseren, sondern am Schlechteren. Der Mensch ist relativ kompliziert. Er ist nicht nur dafür, dass er das Ethische umsetzt. Er hat auch einen guten Willen. Und er will das vielleicht auch. Aber er will auch anderes. Er ist nicht so schnell dabei, bei einem Konflikt laut zu werden, oder physisch. Wir sind leider nur tendenz-ethische Wesen… Das muss man leider sehen. “

mundraub.org nutzen

Zuschauerin: „Die Superseite mundraub.org kann ich nur empfehlen. Da kann man kleine Landmarks setzen, wo es noch Obstbäume in der Stadt gibt usw. Ich habe z.B. gerade drei Kilo Haselnüsse gesammelt – wunderbar große. Die Haselnussernte war super dieses Jahr. Ich wollte erst niemandem davon erzählen, damit ich im nächsten Jahr meine Ernte habe, und habe diesen Prozess sehr bewusst gemacht. Ich gebe diese Nüsse auf Mundraub allen anderen jetzt auch zur Verfügung. Über dieses Stöckchen musste ich erst einmal springen. Ich bin bereit, diese Haselnüsse mit anderen zu teilen… :-)“

Das Herz ansprechen

Zuschauer: „Was auch ganz wichtig ist, ist das Gefühl und die Herzen der Menschen zu erreichen. Negatives Beispiel: Wenn zum Beispiel die Schule mit Kindern in eine Schlachterei gehen, sind hinterher alle Vegetarier. Vielleicht gibt es auf der anderen Seite auch Möglichkeiten, um die Herzen der Menschen auf positivem Wege zu erreichen, um sie zu ermuntern, wenn es um die Ernährung geht, wie wir uns das hier vorstellen. “

Das Herz ansprechen

Zuschauerin: „Wichtig ist es auch, sich außerhalb der Medien über Nahrungsmittel und das was drumherum ist zu informieren. Wen man erfährt, dass sich im Brot ganz viele Chemikalien befinden, dass auch an ganz viele Freunde, Bekannte und Verwandte weiter zu erzählen. Die nehmen sich dann ihren Teil heraus und überlegen dann natürlich auch ein kleines Stückchen weiter. Und denken dann: Vielleicht sollte ich doch mal ein Vollkornbrot kaufen. “

Essen muss nicht teuer sein

Zuschauerin: „Mein Gedanke ist beim Kochen und der Aussage: Hartz IV und Menschen mit wenig Geld können nichts dazu beitragen… Ich war gestern auf dem Wochenmarkt und habe am Wochenmarktstand gelernt, dass man selbst die Blätter der roten Beete wunderbar essen kann. Und dann liegt da ein Bund rote Beete, mit Knollen und Blättern für 1,50 EUR und man hat dafür zwei verschiedene Gerichte! Das man mit wenig Geld nichts machen kann, prallt an mir nur noch ab.“

Sich ändern kann Spaß machen

Zuschauer: „Ich finde es wichtig, dass man es vorlebt. Ich versuche mich selber auch vegan zu ernähren. Das man zwar sagen kann, Pommes und Ketchup sind auch vegan – ich kann auch mit Euch mal weggehen. Man kann sich leicht ändern. Es muss nicht immer unbequem sein. Es geht auch einfach und kann Spaß machen.“

Esskultur vorleben

Zuschauerin: „Bezüglich der roten Beete: Ich war im Permakultur Garten, hier in Hamburg. Ein tolles Projekt, gerade was das Thema Ernährung angeht und in Kreisläufen denkend. Ich selbst, und das ist vielleicht eine schöne Anregung, bin begeistert von der Solidarischen Landwirtschaft. Habe also einen Ernteanteil. Das ist klasse: Regional, Saisonal, Bio und solidarisch! Ein Projekt, welches es nicht nur in Hamburg gibt.“

Bio trotz Hartz IV

Zuschauerin: „Es gibt ein Buch: „Arm aber Bio„. Das ist ein Buch, das eine Frau geschrieben hat, die einen Monat versucht hat mit dem Hartz IV-Satz der für Ernährung vorgesehen ist, sich versucht hat bio zu ernähren. Sie hat es fast geschafft… Man kann mit Kartoffeln und Möhren, was auch in Bio-Qualität nicht so viel kostet, etwas anfangen.“

Extrasteuer auf ungesunde Lebensmittel

Zuschauerin: „Ich habe noch eine politischere Lösung. Natürlich ist es wichtig, dass man selbst etwas macht und sich informiert… Das ist in den USA angedacht: Eine Extrasteuer auf ungesunde Lebensmittel. In San Francisco gibt es das, dass wen Du in ein Restaurant gehst und Fast Food isst, dann kostet das 5 Prozent mehr. Das ist eine Extrasteuer und die wird dann wieder ins Gesundheitssystem investiert. Dadurch werden diese einerseits teurer, so dass man sich vielleicht lieber für das Gesunde entscheidet. Andererseits kann man das so eingenommene Geld wieder in Projekte investieren, die hilfreich sind.“

Aquaponik

Zuschauer: „Mit urbanem Gärtnern allein wird man das Problem nicht lösen können. Ich bin ein großer Anhänger des Aquaponik-Systems – also Fischzucht und Hydrokulturen zu kombinieren. Da hat man in London z.B. Boxen aus alten Containern gebaut, mit einem Treibhaus obendrauf, das reichte schon aus, um eine Familie von drei Personen zu ernähren.     “


3. Runde

Fazit

„Wir müssen auch deshalb etwas tun, damit sich in der Politik und in der Wirtschaft etwas bewegt. Eine Ethik des Essens ist nicht nur das was wir tun, sondern es ist eine Bewegung von unten, die die Veränderungen dort oben forciert.“ (Harald Lemke)


Mitmachen!

Das waren einige Auszüge aus dem Talk. Wenn Ihr mehr erfahren wollt schaut Euch das Video an. Wir werden demnächst die Themenfelder, Szenarien und Lösungsansätze noch weiter diskutieren und überlegen hierfür ein Plenum einzurichten. Wenn Ihr weitere Themenvorschläge, Meinungen zu den genannten Themenfeldern oder auch Lösungen habt, dann freuen wir uns über einen Kommentar!

Info

7Talks für eine bessere Welt ist eine experimentelle, interaktive Talkshow von 4,5 Stunden anlässlich der Konferenz für eine bessere Welt, am 7. September 2014 in Hamburg. Talkgäste und Zuschauer sammeln und diskutieren gemeinsam Szenarien für eine bessere Welt. Alle Talks werden zeitlich auf einer großen Wand illustriert.

Moderation: Marek Rohde
Co-Moderation: Jonas Laur.
Graphic Recording: Clara Roethe
Video: Erster Sinn.

http://clararoethe.de
http://www.erstersinn.de

Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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