Ein internationales Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen und Wissenschaftlern – darunter People´s Health Movement und mitfinanziert von medico international – hat nun bereits einen zweiten alternativen Weltgesundheitsbericht heraus gegeben. Das Buch „Global Health Watch 2“ untersucht, welche Auswirkungen politische Entscheidungen und das Handeln der globalen Schlüsselakteure wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltbank oder der Gates-Stiftung haben. Und es fordert einen radikalen Kurswechsel der Gesundheitspolitik.

“Die Menschheit steht vor drei großen Herausforderungen: Die Beseitigung der Armut; die Verwirklichung des Rechtes aller Menschen auf gute Gesundheit; die Bewältigung des Klimawandels”, liest man im Ankündigungstext von medico international. Dies könne nur gemeistert werden, wenn wir uns daran machen, die Probleme zu lösen, die die globale politische Ökonomie verursacht, sind sich die Autoren sicher. Denn: “Die großen sozialen Probleme der Armut, die extreme Umwelt-Krise sowie die ungeheure Konzentration von Konsum können in ihrer Gleichzeitigkeit nur aus der ungleichen Verteilung der globalen Ressourcen erklärt werden. Schon allein diese Tatsache stellt die herrschende globale Wirtschaftspolitik und mit ihr die Liberalisierung und globale Kommerzialisierung fundamental in Frage”.

Die Alternativen

Der Bericht bleibt aber nicht nur bei Kritik stehen. Er schlägt auch Alternativen vor. Sowohl das asiatische Modell – das ebenfalls auf Export setzt, aber einen wesentlich stärker eingreifenden Staat vorsieht – noch das vieler lateinamerikanischer Länder der 1970er Jahre, bei dem ein Import-substituierenden Industrialisierungs-Modell versucht wurde, seien eine wirklich Lösung. Denn all diese Systeme gehen davon aus, dass die Reichen noch reicher werden müssten, damit die Armen nicht mehr so arm sind. Der berühmte “Drop-down-Effekt”, den Neoliberale immer wieder so gerne beschwören – den allerdings noch niemand wirklich gesehen hat.

Im Folgenden führt der “Global Health Watch 2” Lösungsvorschläge für die Themen “Armutsreduzierung”, “Energiemanagement”, “Öffentliche Haushalte, Dienstleistungen und Infrastruktur”, “Unternehmens-Sektor verändern” und  “Internationale Finanzen”, wobei die Zivilgesellschaft als die entscheidende Kraft für Veränderungen gesehen wird. Denn, so medico international, in den letzten Jahren sei der Einfluss von NGOs auf die internationale Politik erheblich gestiegen – beispielsweise beim Thema “Schuldenerlass” oder der Verhinderung des MAI in Seattle.

Die Zivilgesellschaft als Hoffnungsträger

Doch dabei sei es bislang im wesentlichen darum gegangen, Schlimmeres zu verhindern. Um tatsächlich für eine gerechtere Welt zu sorgen, müsste sich vor allem die nördliche Zivilgesellschaft viel stärker ihrer Verantwortung stellen und für globale Gerechtigkeit zu sorgen. “Die wichtigste Aufgabe von zivilgesellschaftlichem Engagement ist offenkundig eine demokratische Reform der globalen Wirtschaftspolitik (governance, Wirtschaftspolitik) durchzusetzen. Denn hierin liegt beides: der entscheidenden Grund für die Mängel des globalen Wirtschaftssystems und für die Auferlegung des gegenwärtigen Entwicklungsmodells”, so medico international.

Diesen internationalen Demokratisierungsprozess über die bestehenden globalen Institutionen anzutreten, hält medico international für wenig aussichtsreich. Statt dessen fordert die Organisation ein neues “Bretton Woods”, bei dem demokratische Prinzipien bestehen, nämlich: Inklusion, Gleichheit der Stimmen, Transparenz und Rechenschaftspflicht. “Eine große globale Kampagne für einen solchen neuen Bretton-Woods-Prozess, die das ganze Sektrum der Zivilgesellschaft umfasst und die Regierungen der einkommensschwachen und Schwellen- Länder mit einschließt, wäre ein Riesenschritt hin zu einem globalen Wirtschaftssystem, das die Gesundheit von vielen über den Wohlstand weniger setzt”, findet medico international.

Wer sich den heute statt findenden Weltfinanzgipfel ansieht, merkt: Von solchen konstruktiven Lösungsansätzen sind wir noch weit entfernt. Erstens sind hier nur die 20 wirtschaftlich stärksten Länder vertreten – wo doch gerade die schwächsten endlich einmal mireden können sollten, um für eine Entwicklung hin zu mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Zweitens sind die Teilnehmer in keiner Weise rechenschaftspflichtig.

Das Buch (387 Seiten) ist bei Zed Books Ltd. in englischer Sprache erschienen und kostet rund 50 Pfind (Hardcover) bzw. rund 19 Pfund (Softcover). ISBN 978-1848130357