Demos neu denken: Eine Demo aus den 1960er Jahren

Demos neu denken

Wie können wir Demos neu denken? Eine Gruppe von Menschen liefert Inspirationen für eine der ältesten Protestformen der Menschen – über die Wirkung und Erneuerung von Demonstrationen.

Inhalt

Demonstrationen folgen dem immer gleichen Ritual: Ansprachen, Ansprachen, Ansprachen. Laufen. Ansprachen. Es wird Zeit, das volle Potential von Demos auszuschöpfen. Aber wie können wir Demos neu denken? Eine Gruppe hat sich das zum Ziel gesetzt und liefert neue Ideen für die traditionelle Protestform.

Wie Demonstrationen wirken

Für Klimaschutz. Gegen Rassismus. Für Gleichstellung. Gegen Atomkraft. In Deutschland gibt es eine lange und ausgeprägte Geschichte der Demonstrationen für und gegen alles mögliche. Dass Demos Wirkung zeigen, dafür spricht sich die Sozialunternehmen Phineo aus, das Non-Profits, Stiftungen, Philanthrop*innen, Unternehmen sowie Politik und Verwaltung helfen will, maximale gesellschaftliche Wirkung zu erzielen. In einem Beitrag in seinem Online-Magazin listet es auf, welche Wirkung Demonstrationen auf Menschen entfalten – auf die, die teilnehmen, und auch auf die, die nicht dabei sind. [1]

Die Grafik zeigt die Wirkungsstufen von Demonstrationen. Diese werden auch im Fließtext beschrieben.
Quelle: https://www.phineo.org/magazin/so-wirken-die-demonstrationen

Demnach gibt es mehrere Wirkungsstufen: Wird eine Demonstration organisiert, berichten Menschen in Medien darüber. Das heißt, die Information verbreitet sich, Menschen beschäftigen sich mit dem Thema oder bekommen zumindest mit, dass es eine Relevanz hat. Einige nehmen auch an der Demo teil und erlebten somit Selbstwirksamkeit. Diese Menschen berichten im Nachhinein anderen davon und vergrößern damit die Wirkung der Demonstration nicht einmal. Auch Medien berichten noch einmal im Nachhinein über die Demo. Die Wirkung wird immer größer. Einige Menschen werden durch die Teilnahme an der Demo so politisiert, dass sie sich stärker als bisher engagieren. Manche werden vielleicht »nur« Mitglied einer Organisation und unterstützen sie finanziell. Andere packen direkt mit an und organisieren selbst künftig weitere Protestaktionen.

Kritik von »Demos neu denken«

Es gibt aber auch Kritik an der Protestform »Demonstration«. Die Gruppe »Demos neu denken« hat sich aus der Klimaschutzbewegung heraus gebildet. Die Mitglieder haben aufgrund ihrer Erfahrungen mit den Fridays-For-Future-Demos verständlicherweise die Meinung, dass Demos nicht viel bringen. Selbst wenn Tausende von Menschen deutschlandweit auf die Straßen gehen – wie eben für Klimaschutz. Sogar nach den größten Massenprotesten in der Geschichte der Bundesrepublik gab es von Seiten der Politik kaum eine Reaktion: Nach der Veröffentlichung des Treffens in Potsdam zu Remigrationsplänen gingen über drei Millionen Menschen auf mehr als 1.100 Kundgebungen (Stand März 2024) auf die Straße. Auf Wikipedia wird dies als »die größte Demonstrationsserie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland« beschrieben. [2] Gab es deshalb einen Wechsel des Politikstils? Nein.

»Demos neu denken« kritisiert aber nicht nur die geringe Wirkung von Demonstrationen. Sie empfindet sie auch als eine Protestform, die Hierarchien aufbaut, vereinzelt und Passivität fördert. Erstens sind die meisten Demos so gestaltet, dass ein paar wenige (wichtige) Redende durch eine Lautsprecheranlage Dinge sagen, die die meisten eh schon wissen, aber dennoch noch einmal passiv anhören sollen. Zweitens sind Demos meist nicht geeignet, um mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen und sich auszutauschen und zu vernetzen. Und drittens gehen die Leute eben einfach nur eine Weile spazieren und dann wieder heim. Es gibt in der Regel kaum oder keine Anschlussangebote. Wer sich über die Demo hinaus engagieren möchte, muss schon von alleine die richtige Gruppe, Organisation oder Initiative finden …

Was für Demos spricht

Um politischen Druck aufzubauen, reichen Demos in der Regel alleine also nicht aus. Kampagnen von NGOs und Protest aus der Zivilgesellschaft kennt deshalb auch nicht nur diese eine Form. Und doch haben Demos so ihre unschlagbaren Vorteile: Zunächst sind sie sehr niedrigschwellig. Zumindest in unserem Land, in denen das Versammlungsrecht im Grundgesetz gesichert ist, können alle gefahrlos an einer friedlichen Demo teilnehmen. Was die einen als Kritik sehen – nämlich, dass die Teilnehmenden einfach nur spazieren gehen –, lässt sich auch positiv bewerten. Je nach Demo sind ganze Familien unterwegs. Musik, Trommeln, Shoutouts, Verkleidungen und vieles mehr machen Demos zu einer Art Event, das nicht nur eine politische Botschaft aufdrückt, sondern auch Spaß macht. Der CSD (Christopher Street Day) ist sicherlich ein Paradebeispiel dafür.

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Neben der Breitenwirkung durch die Medienberichterstattung und die Nachrichten auf Social Media, haben Demos aber auch noch eine weitere positive Wirkung: Sie zeigen den Menschen, dass sie nicht alleine mit ihrer Meinung, ihrem Unmut oder ihrem Frust sind. Der Politikwissenschaftler Arne Semsrott beschreibt in seinem Buch »Gegenmacht. Die Zivilgesellschaft schlägt zurück« zum Beispiel, dass viele Menschen durch die Demos nach der Veröffentlichung des Geheimtreffens in Potsdam erstmals auf die Leute in ihrem Dorf oder ihrer Kleinstadt getroffen sind, die sich auch gegen Rechtsextremismus einsetzen möchten. Tatsächlich haben sich seinen Angaben nach dadurch Menschen zusammen gefunden und Initiativen und Netzwerke gegründet. Zum Beispiel hätten sich danach ganz viele Gruppen von »Omas gegen Rechts« gegründet. [3]

Welche Formen von Demos gibt es?

Außerdem sind Demonstrationen sehr viel vielfältiger, als ich es auf der Website von »Demos neu denken« gefunden habe. Im folgenden habe ich mal – auch zur Inspiration – einige Formen von Demonstrationen zusammengetragen:

  • Menschenketten
  • Lichterketten
  • Schweigemärsche
  • Sternfahrten
  • Critical Mass / Fahrraddemos
  • Autokorso
  • Rebel Clown Army
  • Flash Mob
  • Radical Cheerleading
  • Pink-and-Silver-Blocks (Tactical Frivolity)

Ob Sitzblockaden, Sit-ins, Straßenblockaden und Platzbesetzungen dazu gehören, weiß ich nicht genau. Die Gruppe »Demos neu denken« sieht sie – soweit ich das richtig verstanden habe – als eine separate Form des Protestes, die sich aber sehr gut mit einer Demonstration kombinieren lässt, wie du weiter unten nachlesen kannst.

Demos neu denken – ein Beispiel

Auch wenn ich nicht alle Kritikpunkte von »Demos neu denken« [4] teile, so finde ich ihren Aufruf doch unterstützenswert: Die Gruppe ruft alle engagierten Menschen, Gruppen, Organisationen und Initiativen dazu auf, nicht einfach »Demos as usual« zu machen, sondern über neue Formen und Möglichkeiten nachzudenken. Einen Ansatz teilt die Gruppe auf ihrer Website: eine Mischung aus Demo und Workshop.

Zu Beginn eine Klimademo in Hannover gab es nicht die üblichen Reden, sondern eine Anleitung für die Aufteilung der Teilnehmenden in verschiedene Themenblocks. Die Demonstrierenden konnten sich somit aussuchen, über welchen der fünf unterschiedlichen Themen sie sich während des Marsches mit anderen unterhalten wollten. Ob es weitere Anregungen gab, um mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen, wird in dem Beitrag nicht erwähnt. Ich könnte mir vorstellen, dass es vermutlich hilfreich ist, wenn jede Gruppe eine Moderation hat – und vor dem Loslaufen vielleicht einige kleine Kennenlern-Übungen stattfinden. Hübsche Kärtchen mit inspirierenden Fragen könnten verteilt werden, um einen Einstieg ins Gespräch mit anderen zu erleichtern.

Bei der hannoveraner Klimademo gab es nach dem Marsch noch mal eine Zusammenkunft, in der sich die Menschen über ihre Erfahrungen und Gespräche während des Zuges austauschen konnten. Ich finde, das ist eine richtig gute Idee, um Demos interaktiver zu gestalten. Vielleicht könnten am Endpunkt auch noch Organisationen und Initiativen Flyer verteilen, die Mitstreitende suchen. Das wäre eine gute Gelegenheit, um die Demo-Teilnehmenden für ein weitergehendes Engagement zu motivieren.

Demos mit anderen Aktionsformen kombinieren

Außerdem gibt es auf der Website von »Demos neu denken« auch Ideen für eine Kombination von Demonstrationen mit weiteren Protestformen – den Platzbesetzungen. Die Idee dahinter: Nach der Veröffentlichung des Geheimtreffens in Potsdam sind wie gesagt viele Menschen auf die Straße gegangen. Viele wollten zeigen, dass sie gegen Rassismus und Ausgrenzung sind. Doch die Energie und Motivation ist nach Ansicht der Mitglieder von »Demos neu denken« zu großen Teilen verpufft. Die Menschen sind zumeist wieder nach Hause gegangen, anstatt sich weitergehend zu engagieren.

Um solche Situationen, in denen es ein Momentum für eine soziale Bewegung gibt, nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, haben sich die Menschen von »Demos neu denken« überlegt, dass es sinnvoll wäre, eine Demonstration mit einem Camp auf einem Platz im öffentlichen Raum zu ergänzen – nach dem Vorbild der Occupy-Bewegung 2010/11. Allerdings sollten diese Camps zeitlich begrenzt sein, um ein Ausbrennen der Organisator:innen zu vermeiden.

In diesen Camps könnte die Menschen dann erfahren, wie es ist, wenn Demokratie direkt gelebt wird. Menschen könnten sich über ihre Ansichten und politischen Forderungen austauschen, sich organisieren und gemeinsam aktiv werden. So könnten sie Gemeinschaft, Selbstwirksamkeit und die Macht von Vielfalt und Solidarität direkt erfahren. Aus unseren Erfahrungen mit Occupy kann ich sagen, dass das durchaus eine Erfahrung sein kann, die ein Leben verändert!

Demos neu denken: Ideenpool und Aktionsarchiv

Die Website von »Demos neu denken« soll eine Anlaufstelle für alle sein, die Demos neu denken, erweitern, kreativ interpretieren und so für das politische Engagement für eine bessere Welt nutzen wollen. Einige Ideen und Beschreibungen finden sich dort bereits. Weitere Ideen, Experimente und Erfahrungen sind willkommen und sollen ebenfalls über die Website geteilt werden, sodass dort mit der Zeit ein Fundus an kreativen Demoformen und -erweiterungen zu finden sind. Wer weitergehendes Interesse hat, kann zudem Kontakt zu der Gruppe aufnehmen und an den Treffen teilnehmen.

Ich finde die Initiative richtig gut und bin gespannt, was dort noch Neues und Inspirierendes entstehen mag. Falls du eine weitere, gute Idee hast oder deine Erfahrungen mit »neu gedachten« Demos teilen willst, dann hinterlasse doch unten einen Kommentar oder schreibe uns eine Email. Bis dahin wünschen wir: viel Erfolg mit deiner nächsten Demo!

P.S. Auch wenn du selbst keine Demo organisierst, kannst du Demos neu denken!

Übrigens: Auch wenn du »nur« an einer Demo teilnimmst – sie also nicht selbst organisierst und damit gestaltest – kannst du dir überlegen, wie du die Demo bereichern möchtest: Spielst du in einer Band oder einem Orchester? Dann begleite die Demo doch mit deiner Musik! Tanzt du oder machst du Improtheater? Dann ergänze die Demo doch mit einer Performance oder Darstellung! Bis du fit in Moderation von Großgruppen? Dann schlag der Demo-Organisation doch mal etwas Interaktives vor … Es gibt viele Möglichkeiten, kreativ und aktiv zu werden. Und es macht Spaß! 🙂

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Quellen

ilona

ist freie Jour­na­lis­tin, Publizistin, Projekt­ma­che­rin und Medienaktivistin. Seit über zehn Jahren schreibt sie Bücher, Blogposts, macht Podcasts, gibt Workshops und hält Vorträge. Zudem begleitet und berät sie öko-soziale Organisationen, Gemeinschaften, Künstler:innen, Kreative und Aktivist:innen bei der ganzheitlichen und nachhaltigen Planung und Kommunikation ihrer Projekte und Bücher.

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