Historische Chance im Nahen Osten – doch der Westen spielt nicht mit

Wenn man wollte, dann könnte man diese Tage als eine historische Chance für die Weltgemeinschaft verstehen:Da begehren Millionen von Menschen auf, fordern Demokratie  in ihren Ländern und den Sturz der Regime in deren festem Fang sie seit vielen Jahren stecken. Doch was macht der Westen? Er verbreitet die Mär von der vermeintlichen Stabilität und tut alles, um die Despoten zu halten. Er lässt diese Menschen im Stich und behindert sie sogar bei ihren Freiheitsbestrebungen. Die historische Chance läge in der Überwindung ideologischer, ethnischer und religiöser Schluchten die auf beiden Seiten von manchen für eigene Spielchen missbraucht werden. Kaum einer sieht die Gefahren die wir mit unserer Verweigerungshaltung herauf beschwören. Oder etwa doch?

Dieser Tage ist es oft ganz schön peinlich ein „Westler“ zu sein. Andauernd lagen uns unsere Regierungen in den Ohren, wie freiheitlich, gerecht und fair sie doch seien. Amerika sozusagen als großer demokratisches Bruder, Europa als Leib gewordene Friedenstaube, Deutschland, noch vom Geiste von 1989 beseelt. Immerhin schafften es die Regierungen über die Medien dieses honigsüße Bild zu verbreiten und aufrecht zu halten. Obwohl immer mehr Menschen sich am Kopf kratzten, wenn sie die tatsächlichen Entwicklungen sahen. „Anderswo ist es viel viel schlimmer“, hieß es und damit war jedwede Kritik weit beiseite geschoben.

Die Mär von der Stabilität

In Nahen Osten ist das Volk aufgestanden und fordert, worauf wir uns hier so viel einbilden: Demokratie, Freiheit und die Chance auf persönliche Entfaltung. Es will demokratische Wahlen, das Recht auf freie Meinungsäußerung und – vor allem – nicht mehr hungern. Es will genau das was der Westen stets in andere Länder zu exportieren vorgibt – und sei es mit Panzern und Bomben, wie in Afghanistan oder denm Irak. Ein geradezu durchsichtiges Vorgehen. Denn offensichtlich wird die Doppelzüngigkeit des Bösmenschen immer dann, wenn er nur so tut als ob und damit auffliegt. Es geht gar nicht um Freiheit und schon gar nicht um Demokratie. Es geht um Macht und Geschäfte.

Westliche Politiker, Diplomaten und Medienhäuser verbreiten die Mär der Stabilität. Doch um was für eine Stabilität kann es sich handeln? Geht es hier nicht fast immer nur um die Stabilität von Geschäftsmodellen, von Schmiergeldbeziehungen, nebulösen Entwicklungshilfen, um Waffengeschäfte, um billige Arbeitskräfte…? Der Westen ist tief verstrickt und beutet gemeinsam mit den Despoten und ihren Günstlingen die Bevölkerung dieser Länder aus. Und das mit Vehemenz.  Jahrzehnte lang hat sich der Westen – und auch Deutschland – kein Stück darum gekümmert, dass hier Geschäfte mit Diktaturen gemacht werden. Im Gegenteil, man hat logistische Hilfe geleistet, Know How und Waffen exportiert und alles getan, um die Despotenregime zu „stabilisieren“. Ist das nicht im hohen Maße schändlich?

Wir klopfen uns selbst auf die Schultern, in dem wir die Integrität unserer Staatenmodelle loben. Gleichzeitig sind wir weltweit in Diktaturen verstrickt und ziehen Profit aus ihnen und der Ausbeutung der Menschen. Kein Wunder, dass der Westen in dieser Situation herumeiert. Kein Wunder das er sich bedeckt hält und in Diplomatensprech verhaspelt. Kein Wunder, dass er alles tut, damit es eben nicht dazu kommt; damit es keine Demokratien in diesen Ländern  gibt. Stabil ist, so wird deutlich, was Geld in die Taschen spült.

Angst machen um jeden Preis

Trotzdem man sehen kann, dass es den zumeist jungen Menschen in Ägypten tatsächlich um eine demokratische Reform und das Ende von Unterdrückung, Armut und Hunger geht, kommen die meisten unserer Medien lediglich darauf Angst zu schüren. Sie warnen vor der Moslimbruderschaft, malen das Schreckgespenst des „Gottesstaates“ an die Wand und strecken den Demonstranten gleichzeitig keine Hand entgegen. Genauso wie wir in Afghanistan nicht den Frieden stärken, sondern die Abscheu vor dem Westen, so machen wir es auch hier. Denn was geschieht wohl, wenn wir die Reformer im Stich lassen? Natürlich, es kommen neue Despoten, neue Unterdrücker ans Ruder. Die Wut auf den feigen und hinterhältigen Westen (der so edel tut) wächst und was liegt da näher, als sich denen anzuschließen, die den Westen auch nicht mögen?

Wir haben eine große historische Chance und sind dabei sie zu verspielen. So wie es sich darstellt, sehenden Auges. Statt Dialog und Reformen gibt es bei uns nur Belehrung und Angstmacherei. Wir warnen vor radikalen Kräften die nun das Ruder in die Hand nehmen könnten, bieten uns aber nicht gleichzeitig als wirkliche Freunde in der Not an. Das ist kaum zu verstehen. Der Westen zeigt eine hässliche Fratze.

Wir spielen mit dem Feuer

Wenn der Westen nicht endlich Farbe bekennt, könnte es zu einem geistigen Flächenbrand kommen. Farbe bekennen heißt jedoch nicht nur abzuweichen von den Diktaturen dieser Welt – und dazu zählen genauso Länder wie China oder Saudi Arabien, die wir geradezu hofieren – sondern auch die kritische Selbstanalyse. Denn so demokratisch wie wir es vorgeben zu sein, sind wir gar nicht. Man schaue sich nur mal die Europäische Union und den Lissabon-Vertrag an.

Da ist von Mitbestimmung keine Rede. Grundsätzlich kann man doch feststellen, dass es den Menschen in Ägypten gar nicht so sehr um Religion geht, sondern um das Aufbegehren gegen all jene, die rein materielle Interesse vor die Interesse der Menschen stellen. Das Gleiche hatten wir aber auch in Griechenland, in Frankreich, in Irland, in Großbritannien usw. Sollten die westlichen Regierungen hier hart bleiben, steht zu erwarten, dass die Haltung der Ägypter auch den Süden Europas ansteckt und erneut zu Unruhen animiert.

Wer will den Menschen ihr Recht auf Freiheit absprechen? Wer den Wunsch auf ein kleines Stück vom Glück? Wer das Brot auf dem Teller? So wie es aussieht nur die Mächtigen, die Klüngelclubs die gewohnt sind das große Geschäft untereinander zu machen. Sollte dieser Graben durch die weltpolitische Lage noch tiefer werden, könnte auch bei anderen Nationen im Westen erneut Hoffnung aufkeimen. Denn durch die Weltwirtschaftskrise, die womöglich noch lange nicht vorbei ist, in die Enge getrieben, werden die Menschen erneut aufbegehren. Es ist ein Domino-Effekt der nur aufgehalten werden kann, wenn die Regierungen dieser Welt sich endlich besinnen und Gerechtigkeit walten lassen.

Es geht nicht um Ideologien, um Moslembrüder, um Gottesstaaten, um links oder rechts – das ist alles Mumpitz. Es geht für Milliarden (!) von Menschen darum, dass sie einfach nicht mehr anders können als aufzubegehren. Zu lange haben sie sich auf die Mächtigen verlassen, haben auf ihre Lippenbekenntnisse gehört und ihnen vertraut. Heute zeigt sich, dass sich hinter der schönen Maske oft eine hässlich anzuschauende Fratze verbirgt. Auf ihre Worte hören jedoch immer weniger.

Bildquelle: Pixelio.de, SHofschlaeger
Autor: Marek Als kleiner Junge lief ich immer mit einem Bleistift in der Hand herum und fragte die Menschen in meiner Umgebung Löcher in den Bauch. Denn genauso stellte ich mir einen Reporter vor: wie einen Detektiv mit Schreibblock... Auch heute noch versuche ich gegen die Ungerechtigkeit in der Welt anzutreten – so wie meine Helden von damals. Und das Projekt „Für eine bessere Welt“ ist ein wichtiger Teil dieser Arbeit.
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Eine Antwort auf "Historische Chance im Nahen Osten – doch der Westen spielt nicht mit"

  1. Mann-im-Mond 8 Jahren ago .Antworten

    Hab über die selbe Thematik auch schon einen Beitrag auf meinem Blog geschrieben. Jahrelang wurden die Regimes durch den Westen gestützt, da sie als Schutzschild vor der Islamisierung fungierten. Dass man dadurch seine Freiheit auf die Kosten der Freiheit der dortigen Bevölkerung sichert, hat keinen interessiert.

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