Wir alle sind Rassisten. Die Frage ist nur, ob wir das erkennen. Und ob wir dann handeln.

  • Rassismus ist allgegenwärtig.
  • Nicht alle sehen das.
  • Aber man kann es sehen lernen. Und dann handeln.

Bin ich eine Rassistin? Mit dieser Frage sehe ich mich immer öfter konfrontiert. Zunächst war meine klare Antwort “Nein, natürlich nicht!”. Mittlerweile weiß ich, dass ich es nur nicht wusste.

Rassismus ist die Norm

Mir ist mit der Zeit klar geworden, dass Rassismus nicht die Ausnahme ist. Er ist nicht nur das, was böse, rassistische, rechtsradikale Menschen tun. Rassismus ist die Norm. Nicht nur in den USA, wie wir uns gerne sagen. Nein, Rassismus herrscht überall auf der Welt.

In dieser Welt aufzuwachsen bedeutet daher automatisch auch, rassistische Glaubenssätze unbewusst zu übernehmen. Besonders emotional packend führt das meiner Meinung nach der “Doll-Test” vor Augen:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Film zeigt, wie bereits kleine Kinder mit Begriffen wie “schön”, “klug” oder “gut” die weiße Puppe verbinden. Bei Begriffen wie “häßlich”, “dumm” oder “böse” zeigen sie auf die dunkelhäutige Puppe. Das berührt beim Anschauen – und zwar vor allem deshalb, weil in dem Video fast nur Schwarze Kinder zu sehen sind.

Kennst du die weißen Privilegien?

Wenn du Schwarz oder POC (people of color) bist, dann kannst du diese Frage vermutlich beantworten. Wenn du weiß bist, meist eher nicht. Rassismus ist grundlegend, weltumspannend und oft unbewusst in unsere Welt eingewoben.

Ein wesentliches weißes Privileg ist es daher, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen. Die Anti-Rassimus-Trainerin Tupoka Ogette sagt daher, dass die meisten Weißen in “Happyland” leben. Für sie ist die Welt in Ordnung – sie sehen nicht, wo überall Rassismus besteht. Und dass das Menschen wirklich belastet und kaputt macht.

Als Weiße brauche ich nicht darüber nachzudenken, wo ich wann welche Vorteile aufgrund meiner Hautfarbe habe. Bei Schwarzen Menschen und POC ist das anders: sie erleben die Nachteile ständig und müssen irgendwie Strategien finden, in ihrem Leben damit zurecht zu kommen. Und so zeigen bereits Schwarze Kinder und Jugendliche Symptome von “racial stress”. Also körperliche Reaktionen auf die permanente, mal mehr mal weniger subtile Ausgrenzung und Abwertung.

Rassismus sehen lernen

Das bedeutet, dass die meisten Weißen erst einmal lernen müssen, Rassismus in all seinen Facetten überhaupt wahrzunehmen. Eine Anregung dazu liefert die Anti-Rassismus-Aktivistin Peggy McIntosh. Sie hat mal eine exemplarische Liste erstellt mit Privilegien, die sie als Weiße genießt:

  • Wenn ich möchte, kann ich mich mein Leben lang unter Menschen mit meiner Hautfarbe bewegen.
  • Im Fernsehen und in Zeitungen oder Zeitschriften sehe ich vorwiegend Menschen meiner Hautfarbe.
  • Wenn ich zu spät komme muss ich nicht damit rechnen, dass meine Unpünktlichkeit als Merkmal meiner Hautfarbe gesehen wird.
  • Ich kann mir ziemlich sicher sein, dass ich gehört werde, wenn ich in einer Gruppe von Menschen spreche, die nicht meine Hautfarbe haben.

Mir fallen noch weitere ein, wie etwa: “Ich kann in die USA fahren, ohne mir Gedanken um meine Sicherheit machen zu müssen” oder “Ich muss keine Zeit damit verbringen immer und immer wieder zu erklären, woher meine Vorfahren kommen”. Den Rest der Liste findest du unter: www.racialequitytools.org/resourcefiles/mcintosh.pdf.

Ich bin nicht böse!

Mich persönlich hat diese Erkenntnis zu der Frage gebracht “Was kann ich tun?” Dabei habe ich zunächst einmal festgestellt, dass es gut ist, wenn ich mich ein bisschen von meinen eigenen Emotionen distanziere. Denn vieles, was ich gar nicht als rassistisch eingeschätzt hätte, kommt aber bei Schwarzen Menschen oder POC so an bzw. ist es eben doch. Unbewusst. Auch wenn ich es nicht böse meine.

Anstatt – darauf angesprochen – also empört zu denken oder zu sagen “Ich bin doch nicht rassistisch!” wäre es ein guter erster Schritt, anzuerkennen: es wäre schon sehr komisch, wenn ich es nicht wäre. Dafür muss ich mich auch nicht schämen. Ich kann nichts dafür, dass ich mit dieser Hautfarbe geboren wurde. Dass ich mit ihr aufgewachsen und sozialisiert bin. Ich bin deshalb nicht automatisch “böse”.

Aber ich bin mit verantwortlich

Aber ich bin schon dafür verantwortlich, wenn alles so bleibt. Das bedeutet: Wenn ich nicht daran arbeite, selbst ein anderes, weiteres Bewusstsein für Rassismus zu bekommen. Dabei können mir von Rassismus betroffene Menschen helfen, indem sie mich darauf aufmerksam machen.

Ein Buch, das ich für diesen Weg empfehlen kann, ist “Exit Racism” von der bereits genannten Tupoka Ogette. Es gibt es zum Lesen zu kaufen oder auch als kostenloses Hörbuch – etwa auf Spotify. Auf der Website www.exitracism.de findest du zudem weiteres, hilfreiches Material und Links.

Initiativen gegen Rassismus

Und wenn ich an mir selbst arbeite und nach und nach den Rassismus in unserer Welt in seiner ganzen Dimension wahrnehmen lerne, will ich mich sicher automatisch auch dafür einsetzen, dass wir ihn gemeinsam überwinden.

Wenn du über deinen persönlichen Bewusstseinwandel hinaus gehen und in Gemeinschaft mit anderen gegen Rassismus eintreten möchtest, dann findest du auf der amerikanischen Website www.racialequitytools.org weitere Tipps, Anleitungen und Ideen. Zudem gibt es auch in Deutschland etliche Initiativen gegen Rassismus. Hier einige Tipps:

  • Die Amadeu Antonio Stiftung fördert Anti-Rassismus-Projekte und gibt auf ihrer Website auch Tipps, wie du aktiv werden kannst: www.amadeu-antonio-stiftung.de
  • Der Verein Gesicht zeigen bietet Workshops, Veranstaltungen, Infos und Kampagnen zum Mitmachen gegen Rassismus und Rechtsextremismus: www.gesichtzeigen.de
  • Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland zu vertreten: http://isdonline.de
  • Die Bewegung Black Lives Matter hat überall auf der Welt Anhänger*innen und Mitstreiter*innen. Zum Beispiel auch in Berlin: www.blacklivesmatterberlin.de
  • Unter dem Hashtag #unteilbar versammeln sich mehrere Organisationen, um sich für globale Solidarität und gegen Rassismus in verschiedenen Kontexten einzusetzen: www.unteilbar.org
  • Auch bei Amnesty International gibt es Infos, Tipps und du kannst dort auch ein kostenloses Aktionspaket mit Broschüren, Aufkleber, Argumentationshilfen u.v.m. bestellen: www.amnesty.de/kampagne-gegen-rassismus-deutschland

Sicher gibt es noch weitere Initiativen und Organisationen. Hinterlasse einfach einen Kommentar mit Link, wenn dir noch etwas fehlt. Ich würde mich freuen, wenn du mit dabei bist, auf einem Weg in eine bessere Welt!


Bildquelle: Alexandra_Koch via Pixabay