22 Sep 2008

Engagement macht stark

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freiwilligewoche08.jpgDie Woche des bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments hat begon­nen und das ist natür­lich ein mehr als will­kom­me­ner Anlass für uns, das Thema »Ehren­amt« und »« ein­mal genauer anzu­se­hen. Und Erfreu­li­ches gibt es zu berich­ten: Wer sich in Gemein­schaft mit ande­ren für seine Inter­es­sen, Träume und Ideen ein­setzt, der lebt glück­li­cher heißt es. Immer mehr Men­schen in Deutsch­land schei­nen diese Ein­stel­lung zu tei­len – und enga­gie­ren sich ehren­amt­lich. Der »Frei­wil­li­gen Sur­vey« des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Fami­lie, Senio­ren, Fra­gen und Jugend zeigt, dass sich 2004 rund 36 Pro­zent aller Deut­schen ehren­amt­lich enga­gie­ren (d.h. sie über­neh­men über einen län­ge­ren Zeit­raum eine feste, ehren­amt­li­che Tätigkeit).

Die Ent­wick­lung in Deutsch­land
Vor allem junge Men­schen zwi­schen 14 und 30 sowie Ältere über 60 gehö­ren zu den tra­gen­den Säu­len des deut­schen Ehren­amts. Män­ner enga­gie­ren sich noch stär­ker als Frauen, doch letz­tere holen der Unter­su­chung zufolge deut­lich auf (37 zu 32 Pro­zent). Sport ist dabei der Favo­rit, gefolgt von Schu­len und Kin­der­gär­ten sowie Kir­che und ande­ren reli­giö­sen Insti­tu­tio­nen. Als Motiv für den ehren­amt­li­chen Ein­satz wurde meis­tens der Wunsch ange­ge­ben, die Gesell­schaft mit zu gestal­ten – aber auch der Wunsch nach Gemein­schaft ist ein wei­te­res wich­ti­ges Motiv für eine ehren­amt­li­che Position.

So weit, so gut. Der Sur­vey zeigt aber auch, dass das so genannte »Enga­ge­ment­po­ten­tial« – also die Bereit­schaft von Men­schen, die sich (noch) nicht enga­gie­ren, dies zu tun – steigt: 1999 waren dies noch 26 Pro­zent, 2004 32 Pro­zent. So könn­ten sich bei­spiels­weise die Hälfte aller Arbeits­lo­sen vor­stel­len, sich ehren­amt­lich zu enga­gie­ren. Ein wich­ti­ger Punkt scheint uns dem­nach zu sein, die Engagement-Willigen die rich­ti­gen Anknüp­fungs­punkte zu lie­fern, ihnen also zu zei­gen, wo und wie sie sich ein­set­zen könnten.

So fin­det man das rich­tige Ehren­amt
Das den­ken nicht nur wir (und diese Über­le­gung ist mit ein Grund, warum es die­sen Web­log gibt), son­dern natür­lich auch etli­che andere Insi­tu­tio­nen, Orga­ni­sa­tio­nen und Initia­ti­ven. So gibt es bei­spiels­weise in jeder grö­ße­ren Stadt so genannte Freiwilligen-Agenturen oder auch -Bör­sen. Sie ver­mit­teln Engagement-Willige an NGOs, Ver­eine und andere Grup­pen, die ehren­amt­li­che Mit­ar­bei­ter suchen. Eine Über­sicht gibt es bei­spiels­weise bei der bafga, der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft der Frei­wil­li­genagen­tu­ren e.V.

Die bagfa, der Ver­bund Freiwilligen-Zentren im Deut­schen Cari­tas­ver­band und die Stif­tung Mit­ar­beit haben zudem gemein­sam ein so genann­tes Zeit­s­pen­den­por­tal ent­wi­ckelt. Das ist eine Daten­bank gestützte Inter­ne­an­wen­dung, die sich ein­fach und schnell in die eigene Web­site ein­bauen las­sen soll und dann der Ver­mitt­lung von Ehrenamts-Interessenten und offe­nen Posi­tio­nen die­nen soll.

Kleine Geschichte des Ehren­amts
So essen­ti­ell Enga­ge­ment für eine Gesell­schaft ist – so lange ist auch seine Tra­di­tion. Bereits im alten Grie­chen­land soll­ten sich gute Bür­ger für das Gemein­we­sen inter­es­sie­ren und enga­gie­ren – andern­falls gal­ten sie als »Idio­tes«, als Pri­vat­mensch: „Wer an den Din­gen der Stadt kei­nen Anteil nimmt, ist kein stil­ler, son­dern ein schlech­ter Bür­ger,“ for­mu­lierte es der Athe­ner Peri­kles etwa 500 vor Chris­tus. Die­ses Wer­te­sys­tem galt lange. Erst mit der Ent­ste­hung des Bür­ger­tums eta­blier­ten sich andere Ideale:

„Ein mora­li­scher und tugend­haf­ter Mensch wurde nicht mehr von sei­ner öffent­li­chen, für das Gemein­wohl ein­ste­hen­den Tätig­keit her defi­niert, son­dern von sei­ner ökono­mi­schen Tätig­keit her bestimmt. Wäh­rend die­ser Zeit began­nen sich die bür­ger­li­chen Gesell­schaf­ten mehr und mehr als reine Inter­es­sen­ge­sell­schaf­ten zu ver­ste­hen, in denen der ursprüng­li­che poli­ti­sche Frei­heits­be­griff auf die Frei­heit, die eige­nen ökono­mi­schen Inter­es­sen durch­zu­set­zen, ver­kürzt wurde.“ (Ehren­amt in kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen im Ver­gleich zwi­schen den USA und Deutsch­land, Dis­ser­ta­tion von Gesa Birn­kraut, Ham­burg 2003).

Ehren­amt und Gesell­schaft
Viele wis­sen: Die US-amerikanischen Bür­ger gehö­ren wohl mit zu dem engagement-freudigsten Völk­chen. Ehren­amt­li­ches Enga­ge­ment für soziale, kul­tu­relle und poli­ti­sche Belange haben hier eine lange (Siedler)Tradition. Klar, denkt sich da viel­leicht der ein oder andere: Die haben ja auch so gut wie kein sozia­les Netz etc. Die kön­nen ja gar nicht anders.

Das stimmt anschei­nend aber nicht ganz. Robert D. Put­nam scheint in sei­ner Unter­su­chung »Gesell­schaft und Gemein­sinn. Sozi­al­ka­pi­tal im inter­na­tio­na­len Ver­gleich« (2001) her­aus gefun­den zu haben, dass es einen Zusam­men­hang zwi­schen wohl­fahrts­staat­li­chen Akti­vi­tä­ten eines Staa­tes und der Bereit­schaft zum ehren­amt­li­chen Enga­ge­ment gibt:

»Fest­ge­stellt wurde, dass die bei­den Län­der mit dem höchs­ten Wer­ten staat­li­cher sozia­ler Ver­ant­wor­tung und Wohl­fahrts­po­li­tik, die Nie­der­lande und Schwe­den, auch die höchs­ten Werte an unent­gelt­li­chem Bür­ger­en­ga­ge­ment auf­wei­sen. In Frank­reich zeigte sich ein direk­ter Zusam­men­hang zwi­schen den Kur­ven poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen, den Sozi­al­staat betref­fend, und denen der Ent­wick­lun­gen im Ver­eins­sek­tor: die Spitzen- und die Tiefst­werte kor­re­spon­die­ren jeweils mit­ein­an­der. Ähnli­che Ten­den­zen wur­den in den USA, in Schwe­den und Aus­tra­lien gefun­den«, berich­tet Wiki­pe­dia.

Zieht sich der Staat hin­ge­gen aus sei­ner sozia­len Ver­ant­wor­tung, soll die Bereit­schaft sin­ken sich ehren­amt­lich zu enga­gie­ren. Wolf­gang Eng­ler, aus des­sen Buch Bür­ger, ohne Arbeit diese Unter­su­chung zitiert wurde (S. 240ff), fol­gert dar­aus: „Sozia­les Kapi­tal wird in der Lebens­welt gebil­det, bleibt an soziale, recht­li­che, infra­struk­tu­relle Rah­men­be­din­gun­gen gebun­den … Wo der Staat sozial abrüs­tet, abdankt, ent­fer­nen und ent­frem­den sich die Men­schen von­ein­an­der, … schläft ihr sozia­ler Sinn unwi­der­ruf­lich ein.“ Und nach Beob­ach­tun­gen ver­schie­de­ner Frei­wil­li­genagen­tu­ren „wächst das Pro­blem­be­wusst­sein bei den neuen Enga­gier­ten, dass ehren­amt­li­che Arbeit bezahlte Arbeit bei den wich­ti­gen Auf­ga­ben erset­zen könnte, die eigent­lich der Staat zu finan­zie­ren hat“ (zitiert nach Frank­fur­ter Rund­schau, S-Ausgabe, Thema des Tages, Seite F2 vom 15. Juni 2007).

Und rich­tig: Laut Social Times ent­schied das Bun­des­ar­beits­ge­richt in Erfurt unlängst, dass einer ange­stell­ten kom­mu­na­len Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten zuguns­ten einer ehren­amt­li­chen Kraft betriebs­be­dingt gekün­digt wer­den darf. Wor­auf­hin Bun­des­fi­nanz­mi­nis­ter Peer Stein­brück (SPD) gleich in der Frank­fur­ter Rund­schau erklärte: »Ehren­äm­ter sind nicht dazu da, Kür­zun­gen beim Haupt­amt zu ermöglichen«.

Hof­fen wir es. Denn das zuneh­mende Enga­ge­ment vie­ler Men­schen für die Gemein­schaft dür­fen Poli­ti­ker und Wirt­schaft kei­nes­wegs mit einer Ent­las­sung aus der eige­nen Ver­ant­wor­tung ver­wech­seln. Es kann und darf nicht sein, dass bspw. Eltern die Klas­sen­zim­mer ihrer Kin­der strei­chen, weil der Staat kein Geld locker macht – gleich­zei­tig den spe­ku­lie­ren­den Ban­ken Mil­lio­nen zur Ver­fü­gung stellt. Aber schät­zungs­weise wird sich auch hier nur dann ein ange­mes­se­nes Gleich­ge­wicht her­stel­len las­sen, wenn es Men­schen gibt, die sich dafür ein­set­zen – ehren­amt­lich, ver­steht sich.

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