Boden in Not

Boden in Not

Unser Boden in Not: Nahezu unbemerkt von der Öffentlichkeit ereignet sich gerade weltweit eine Naturkatastrophe, die wesentlich schwerwiegender ist, als die Klimakrise. Das zumindest meint der Architekt, Museumsdirektor und Universitätsdozent Gerth M. Neugebauer. Deshalb hat er ein Buch geschrieben.

Momentan beschäftige ich mich viel mit all den Lebewesen, die es auf unserem Planeten außer uns Menschen noch so gibt: Marek und ich machen ja eine Expedition, während der wir uns jeden Monat ein anderes Thema vornehmen, dazu Interviews führen, Aktionen machen und unser Leben anhand unserer Erkenntnisse ändern. Letzten Monat waren wir beim Thema „Grünes“ (also allen wilden und domestizierten Pflanzen). Diesen Monat beschäftigen wir uns mit Tieren. Und wenn sich eines für mich dabei überaus deutlich gezeigt hat, dann dass wir Menschen uns unglaublich von der Natur entfremdet haben. So sehr, dass wir es schon gar nicht mehr merken.

Dass da vor unseren Augen eine Katastrophe geschehen kann, die wir noch nicht einmal mitkriegen, überrascht mich daher wenig. Ich wusste und weiß selbst aber ebenfalls sehr wenig darüber. Deshalb freute ich mich (wenn ich das so sagen kann), als mir die Neuerscheinung „Erde in Not. Die heimliche Bodenkatastrophe“ in die Hände fiel. Auf rund 200 Seiten berichtet Neugebauer, wie wir Menschen den Erdboden ausnutzen, auslaugen und dann vom Wind wegwehen oder vom Regen wegwaschen lassen. Und das geht schon seit Jahrtausenden so. Und so steht es mit dem Boden weltweit schlecht.

Moore sind wichtig, BodenatlasUnsere Böden sind wichtige Kohlenstoffspeicher. Moore und Feuchtgebiete sind besonders schützenswert, weil sie viel Kohlenstoff binden, aber kaum noch vorhanden sind. (Quelle: Bodenatlas)

Boden in Not

„Ein Team aus 300 internationalen Forschern hat 2016 in 28 europäischen Ländern den Zustand von 490 Lebensräumen erhoben. Das Ergebnis ist katastrophal: Ein Viertel der Habitate ist allein durch die intensive Landwirtschaft wegen starker Düngung gefährdet. Von 233 erfassten europäischen Land- und Süßwasserhabitaten wurden 31% als gefährdet eingestuft, etwa 2% sind von „völliger Vernichtung bedroht“, 10% gelten als „stark gefährdet“ und 20% als „gefährdet“. Dabei stehen nur 6% der Landfläche Europas unter Landschaftsschutz mit teilweise schwachem rechtlichen Schutz“, berichtet Neugebauer.

Die ökologischen Auswirkungen sind verheerend: Artensterben und die Vernichtung ökologischer Kreisläufe – inklusive intakter Böden mitsamt ihrer vielfältigen Bodenlebewesen. So sollen in Europa laut Neugebauer bereits 100 Millionen Hektar Ackerland degradiert sein – das ist so viel Landfläche wie Deutschland, Frankreich und Österreich zusammen.

Etwa 45% der europäischen Böden haben nach seinen Aussagen nur einen niedrigen bis sehr niedrigen Gehalt an organischem Kohlenstoff, der die Erde fruchtbar macht. Durch den Anstieg der Erdtemperatur dürfte sich dieser Zustand auch noch verschlechtern. Das im Boden gespeicherte Methan und Kohlendioxyd entweicht und heizt die Atmosphäre zusätzlich an.

Erde wegbaggern und zubetonieren

Doch nicht nur, dass die Fruchtbarkeit unserer Böden dramatisch sinkt. Wir baggern und planieren die Erde auch Meter für Meter zu. Der Tagebau etwa verwüstet ganze Landstriche. 7 Hektar Land sollen laut Neugebauer allein im Jahr 2014 auf der Baggerschaufel gelandet sein. Auch die Industrie fordert ihren Preis: Das Bundesumweltamt geht von 320.000 Standorten aus, die mit umweltgefährlichen Stoffen und Abfällen belastet sind.

Im gleichen Jahr sollen in Deutschland zudem 14% als Siedlungs- und Verkehrsfläche verbaut worden sein. Tendenz steigend. Allein die 61 Millionen Kraftfahrzeuge nehmen laut Neugebauer in Deutschland 90.000 Quadratmeter ein – eine Landfläche so groß wie Portugal! „Würde der Zuwachs der Bodenversiegelung durch Siedlungs- und Verkehrsflächen linear jährlich um 0,12% … wachsen, so wäre in 750 Jahren das deutsche Staatsgebiet vollständig zugebaut“, schreibt er.

Ökolandwirtschaft weltweit, BodenatlasEchte Öko-Landwirtschaft ist dringend notwendig, um unsere Überlebensressource Boden zu schützen. Doch die Verbreitung ist weltweit gering… (Quelle: Bodenatlas)

Landimporte und Landraub

Unglücklicherweise brauchen wir mit unserem Lebensstil allerdings besonders viel Boden. Sowohl, was unsere Ernährung, als auch was unseren Energie-intensiven Konsum von Gütern und Freitzeitveranstaltungen angeht. Ein Durchschnittseuropäer braucht laut Neugebauer bis zu 14.000 Quadratmeter fruchtbaren Ackerboden allein um seine Ernährung zu sichern. „Dagegen stehen weltweit bei gleicher Verteilung auf die Weltbevölkerung bezogen lediglich 2.000 Quadratmeter zur Verfügung“, schreibt Neugebauer. Die EU nutzt mit einem Fußabdruck von 640 Millionen Hektar also etwa anderthalb mal so viel Boden, wie sie hat.

Deutschland gehört mit zu den zehn größten „Flächenimporteuren“ der Welt. Rund 80 Millionen Hektar fruchtbares Land verwenden wir für unseren Überfluss. Land, das die Menschen in ihren Ländern dringend brauchen, um nicht zu hungern. Doch längst haben Spekulanten und Investoren erkannt, dass fruchtbarer Boden als zunehmende Mangelware immer kostbarer wird. Landraub (Landgrabbing) und mit ihm die Vertreibung von Kleinbauern und Indigenen, die meist keine offiziellen Besitzurkunden haben, sind die Folge.

Wie sieht die Lösung aus?

Wie zu erwarten mahnt Neugebauer in seinem Buch zum Umdenken. Ganz konkret wird er mit seinen Vorschlägen zwar nicht, doch die Notwendigkeiten liegen eigentlich auch auf der Hand: Europa braucht ein wirksames Bodenschutzprogramm. Die Landwirtschaft muss auf eine ökologische und nachhaltige Produktionsweise in Kreisläufen und ohne Kunstdünger und Pestizide umsteigen. Das müsste die EU mit einer anderen Agrarpolitik fördern. Der Ausstieg aus der Kohle (und damit auch aus dem Tagebau) sowie wirksame Maßnahmen gegen die Zersiedelung und Bodenversiegelung müssen her.

Doch auch wir als Privatpersonen können etwas tun. Ganz konkret in unserem Alltag können wir uns dafür entscheiden das etwas teurere Obst und Gemüse von wirklich nachhaltig arbeitenden Bauern und Bäuerinnen zu kaufen. Wir können auf Neubauten verzichten (und gerne auch auf’s Auto). Wir können in unseren Gärten und im öffentlichen Raum naturnah gärtnern und so (Boden-)Lebewesen einen Lebensraum geben. Und wir können darauf achten, dass wir im Einklang mit der Natur reisen: Zubetonierte Touristenhochburgen meiden und lieber den (etwas teureren) sogenannten sanften Tourismus unterstützen.

Mein Fazit

Das Buch ist ideal für alle, die in das Thema tiefer einsteigen möchten und bisher noch wenig Ahnung haben. Neugebauer liefert mit diesem Titel einen Rundumschlag, der einen guten Überblick liefert. Die Exkursion in die Geschichte und den aktuellen Zustand Spaniens hätte ich in dem Umfang, wie er im Buch ist, nicht unbedingt gebraucht. Neugebauer liefert dadurch gute und anschauliche Beispiele. Aber die Situation in Deutschland interessiert mich mehr (oder eben die Situation in ganz Europa, um einen allgemeinen Überblick zu bekommen).

Aber das ist wirklich „meckern“ mit einem Buch, das insgesamt ein hohes Niveau hat, gut lesbar ist und einen tollen Überblick über das Thema liefert. Mein Fazit: Empfehlenswert für Menschen mit Interesse am Boden.

Buchtipp: Erde in Not von Gerth M. NeugebauerErde in Not

Die heimliche Bodenkatastrophe

Gerth M. Neugebauer
Promedia 2017 / 216 Seiten
€ 19,90 / ISBN: 978-3-85371-428-7

 

Bildquelle: Das Aufmacherbild stammt von pexels.com / Die Grafiken stammen aus dem Bodenatlas der Heinrich Boell Stiftung

 

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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2 Antworten auf "Boden in Not"

  1. Katrin
    Katrin 2 Wochen ago .Antworten

    Hallo Ilona, danke für diese Empfehlung.
    Dieses Bodenschutzprogramm erfordert natürlich regelmäßige Forschungen und ohne volle Unterstützung der internationalen Organisationen ist kaum möglich. Das Thema ist wirklich wichtig und interessant.

  2. Solarfreund
    Solarfreund 2 Wochen ago .Antworten

    Hi Ilona,
    ein toller Artikel. Ich glaube, dass in 200 – 300 Jahren wir eine „MadMax“ Zukunft haben. Der Boden ist für Landwirtschaft nicht mehr nutzbar, wenn der Mensch weiter diesen Planeten so ausbeutet und vergiftet …

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