Was wäre, wenn es eine weltweite, allgemein gültige Regelung gäbe, die besagt, was fair und gerecht ist? Eine Regelung, an der die Menschen das Handeln der Politik messen könnte. Wie sähe unsere Welt dann wohl aus?

Unsere Welt ist ungerecht. Das liegt sonnenklar auf der Hand. Es gibt Gesetze, ja. Doch jeder weiß, dass diese für reiche und mächtige Menschen nicht in gleichem Maße gelten, wie für arme, mittellose. Das gilt innerhalb nationaler Grenzen genauso wie auf globaler Ebene. Doch warum akzeptieren Menschen einer demokratischen Gesellschaft wie der unsrigen so widerstandslos eine steigende Ungleichheit?

Unser Sinn für Gerechtigkeit

Es gibt einen neuen, sehenswerten Dokumentarfilm, der sich dieser Frage widmet. Zunächst versucht er herauszufinden, ob ein Sinn für Gerechtigkeit überhaupt angeboren, dem Menschen eigen ist – und inwieweit die Gesellschaft unsere Vorstellung von Fairness verändert. Ich will nicht gleich schon alles verraten, doch grob gesagt ist es schon so, dass Menschen anscheinend ein Empfinden für Gerechtigkeit mitbringen.

Doch was wir als fair oder unfair ansehen, hängt auch mit den Regeln zusammen, die um uns herum aufgestellt werden. Zum Beispiel akzeptieren wir fast alle, dass beim Sport der Gewinner oder die Gewinnerin den gesamten Sieg einfährt – auch wenn er oder sie nur eine Millisekunde schneller war oder einen einzigen Punkt mehr hat. Eigentlich ja ungerecht, oder nicht?

Ähnlich sieht es anscheinend auf gesellschaftlicher Ebene aus: Es hat sich der Mythos durchgesetzt, dass das Wohl oder Weh eines Menschen mit dessen Entscheidungen zusammenhängt. Nicht unbedingt bewusst, aber dennoch herrscht die Meinung vor, dass arme und benachteiligte Menschen ihre Situation selbst verursacht hätten – etwa bei Obdachlosen.

Die meisten überlegen sich anscheinend nicht, dass sie vielleicht von vorne herein nur sehr wenige Entscheidungsmöglichkeiten hatten, die ihnen ein anderes Schicksal bereitet hätten. Und so haben viele von uns eben auch kein Problem damit, wenn sie ungerecht und unfair behandelt werden.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Kampf für Gerechtigkeit

Nachdem sich der erste Teil des Films vor allem mit der Erforschung unseres Gerechtigkeitsempfindens beschäftigt hat, geht es im zweiten eher darum, wie ungerecht unsere Welt (dennoch) ist – und wie sie Menschen für mehr Fairness engagieren: Vom Kampf der Isländer gegen die korrupten Banker und Politiker bis zu einer indische Unberührbaren, die anderen Frauen aus ihrem Los als un(ter)bezahlte Latrinenleererinnen befreit.

Der Zuschauer bekommt als ein Beispiel für eine möglichst faire Gesellschaft Costa Rica präsentiert – und als Beispiel für individuellen Mut einem amerikanischen 12-jährigen Mädchen, das seine Regierung verklagt, weil sie nicht sorgsam mit den natürlichen Ressourcen umgeht, die die Bevölkerung ihrem Schutz überlassen hat …

John Rawls und mein Fazit

Ich fand das Thema des Films sehr attraktiv und den Film schon auch sehenswert. Allerdings blieb er meines Erachtens unter den Möglichkeiten. Mir fehlte einerseits der rote Faden in der Geschichte. Um das aufzufangen arbeitete der Film mit Thementafeln, was mir nicht so gut gefallen hat.

Was mir aber noch wichtiger gewesen wäre, wäre die Auseinandersetzung mit der philosophische Frage, wie wir denn nun zu einer eingangs erwähnten allgemein gültigen Regelung für Gerechtigkeit kommen könnten?

In diesem Zusammenhang ist mir neulich die Theorie von John Rawls über den Weg gelaufen. Knapp zusammengefasst meint er, dass wir uns – um zu gerechten und fairen Regeln für alle zu kommen – vorstellen sollten, wir wären noch nicht geboren und könnten daher nicht wissen, in welcher Situation wir uns wiederfinden würden.

Ich frage mich, wie die Welt aussehen würde, wenn Manager nicht wüssten, ob sie Fließbandarbeiter geboren würden? Wenn Politiker nicht wüssten, ob sie als syrische Flüchtlinge auf die Welt kommen würden? Oder wenn du und ich nicht wüssten, ob wir als indische oder chinesische Fabrikarbeiterinnen geboren würden? Was meinst du?

Filmtipp

Fairness – Zum Verständnis von Gerechtigkeit

Ein Dokumentarfilm von Alex Gabbay
ab 29. Juni im Kino | Website mit Infos


Foto: Antoine Deltour war der Whistleblower, der den LuxLeak-Skandal lostrat.Die Verursacher des Steuerskandals sind bis heute straffrei. Deltour wurde verurteilt. Ist das gerecht? Bildquelle: Mindjazz