Wenn in einer Demokratie – dem besten aller schlechten Systeme – bei aller freien Diskussion um Interessen letztlich doch alles auf einen harmonischen Kompromiss hinauslaufen soll – warum sollten dann konfrontative Kampagnen nötig sein? Warum Zivilcourage oder gar ziviler Ungehorsam? Martin Balluch ist selbst Aktivist mit jahrelanger Erfahrung – und er vertritt in seinem Buch »Widerstand in der Demokratie. Ziviler Ungehorsam und konfrontative Kampagnen« genau diese Thesen.

Warum? Ganz einfach, meint Balluch: weil eine Einstellungsänderung bei den Menschen seiner Ansicht nach nicht automatisch auch zu einer Verhaltensänderung führt (die wiederum zu einer Systemveränderung im Sinne neuer Gesetzte und Regeln etc. führen könnte). Balluch beschreibt dies mit einer Grafik, die in etwa so aussieht:

 

Der Tiefpunkt des Graphen (2) symbolisiert das Verhalten der Mehrheit – sie kauft zum Beispiel Fleisch aus der Massentierhaltung. Sich hier aufzuhalten erfordert den geringsten Energieaufwand: wer sich keine Gedanken zu einem Thema macht, rutscht automatisch hier her. Links davon steigt die Kurve steil an. Dort befinden sich diejenigen, die Tiere aktiv quälen oder an Treibjagden und ähnlichem teilnehmen (1). Sich so zu verhalten setzt einen besonderen Energieaufwand voraus.

Ebenfalls energieaufwändig – allerdings nicht so sehr, wie der linke Bereich – ist die Bewegung in den rechten Teil der Kurve (3). Hier befinden sich diejenigen, die sich zum Beispiel besonders für den Tierschutz einsetzen. Diese Steigung beschreibt den langen, mühsamen Weg vom Einstellungswandel zur tatsächlichen Verhaltensänderung: selbst diejenigen, die sich theoretisch weiter rechts auf der Kurve befinden (Einstellungswandel), sind dort praktisch nicht, weil es zu viel Energie kostet (Verhaltensänderung). Ein Beispiel:

Das Beispiel mit den Legehennen

Eine Studie aus dem Jahr 2004 hat laut Balluch ergeben, dass 86 Prozent der Bevölkerung gegen Legebatterien waren. Doch trotz dieser klaren Einstellung kam es nicht dazu, dass diese 86 Prozent den Kauf solcher Eier boykottierte und somit eine systemische Veränderung erzwang. Warum? »Es würde … einen Zusatzaufwand darstellen, sich extra Alternativeier zu suchen«, schreibt Balluch.

Doch selbst wenn Otto Normalverbraucher oder Lieschen Müller diesen Aufwand auf sich nehmen würde, so würde sich für ihn oder sie nichts spürbar ändern. »Es gibt noch immer Legebatterien. Es werden weder offensichtlich mehr Alternativeier angeboten, noch sind diese billiger geworden. Kurz und gut, der Mehraufwand hatte keine ersichtlichen positiven Konsequenzen«, so Balluch.

Dinge, die öko-korrektes Handeln vereinfachen

Wer würde da nicht früher oder später den Extraweg zu den Alternativeiern einstellen? (Bei den mittlerweile angesagten Bio-Produkten ist es aus meiner Sicht etwas anderes: hier liegt der Gewinn nicht so sehr darin, dass man hofft, damit etwas im System zu ändern. Man kauft sie, um entweder seinem Körper eine gesunde Ernährung angedeihen zu lassen oder um des Prestiges willen.)

Organisationen und Initiativen – zum Beispiel Tierschutzvereine – versuchen deshalb nun in diese Steigung »Huckel« einzubauen (4). Das können zum Beispiel Fair-Trade- oder Bio-Sigel sein, die Bereitstellung von Ratgebern und Einkaufshilfen oder die Einrichtung von Bio- und Fairtrade-Koops. Mit anderen Worten: Dinge, die die Umsetzung der ethisch korrekte Einstellung in ethisch korrekte Verhaltensweisen vereinfachen. Kurz: in diesem Bereich findet man auch die positiven Kampagnen, die vor allem mit Aufklärung und der Bereitstellung von Alternativen arbeiten.

Alternativen schaffen, Missstände verbieten

In Martin Balluchs Augen kann man damit aber nur vergleichsweise kleine Fortschritte bewirken. Einen viel größeren Schritt würde eine Veränderung im System bewirken… Sobald beispielsweise Legebatterien gesetzlich verboten werden, gibt es ein reiches Angebot an Alternativeiern. Oder – um es aktueller zu machen: Sobald der Umstieg auf Erneuerbare Energien vollzogen ist, braucht man nicht mehr besondere Alternativ-Stromanbieter zu suchen.

»Die politische Praxis zeigt jedoch, dass positive Kampagnen zwar in der Öffentlichkeit sympathisch wirken und damit für NGOs SpenderInnen bringen –, aber nicht das Potential haben, echte Änderungen im System zu bewirken … Im Gegenteil, will man eine konkrete Systemänderung erreichen, dann muss man den politischen Konflikt möglichst eskalieren lassen – natürlich ohne dabei den Respekt vor dem Gegenüber zu verlieren«, fasst Balluch seine Erfahrungen zusammen.

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Hinweis: Lies auch die anderen beiden Posts zu diesem Buch

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Bibliografische Angaben

»Widerstand in der Demokratie. Ziviler Ungehorsam und konfrontative Kampagnen«
Martin Balluch
ProMedia Verlag, ISBN 9-3-85371-304-4
9,90 Euro
www.mediashop.at

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Bildquelle: stihl024, pixelio.de