»Aus Alt mach´ … Arbeit!« Ein Gespräch mit Udo Holtkamp von der Recyclingbörse

»Aus Alt mach´ … Arbeit!« Mit diesem Leitspruch fing alles an, damals vor 27 Jahren: Arbeitslose aus dem Arbeitslosenzentrum Herford gründeten den Arbeitskreis Recycling als eingetragenen Verein. Ein Interview.

Altglascontainer und Gelber Sack waren da noch unbekannte Größen, Mülltrennung und Wertstoffrecycling Fremdworte. Aus der ersten Keimzelle – einem Gebrauchtmöbellager mit Altpapier- und Glassammelstelle – entwickelte sich mit der Zeit ein Sozialbetrieb, zu dem heute vier Secondhand-Kaufhäusern, drei City-Läden in Bielefeld und im Kreis Herford sowie Werkstätten, die Galerie »Kiosk24« (kiosk24.org) und der international renommierte RecyclingDesignpreis gehören. Wir sprachen mit dem geschäftsführenden Vorstand Udo Holtkamp über den Sinn von Kreisläufen und den Unsinn mit dem ganzen Müll.

 

Die RecyclingBörse ist mittlerweile ein umfangreicher Betrieb mit rund 50 Festangestellten und ein Beschäftigungsträger für rund 100 Langzeitarbeitslose. Welche Dienstleistungen bieten Sie?

Wir haben in Ostwestfalen vier Standorte in Herford, Bielefeld, Bünde und Löhne, dazu kommen drei Innenstadtläden. Der Standort in Löhne ist darüber hinaus zertifizierter Fachbetrieb für Elektro-Recycling. Wir unterhalten in Kooperation mit den Städten des Kreises Herford eine Altkleidersammlung, um lokal hochwertige Seconhand-Kleidung anzubieten. Unser Elektroprojekt zur Wiederverwendung von Elektroaltgeräten ist bundesweit so gut wie einzigartig.

Wie sehen die Projekte genau aus – und welche sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedürfnisse decken Sie damit ab?

Unser Oberthema ist Müllvermeidung durch Wiederverwendung. Am Beispiel der genannten Elektroprojekts: Statt Altgeräte bei der Sammlung, die wir im Auftrag der Städte des Kreises Herford durchführen, ausnahmslos direkt in Entsorgungscontainer zu befördern, behandeln wir die Sachen wertschätzend: Was sieht noch brauchbar aus, was nicht? Was noch brauchbar ausschaut, wird auf elektrische Sicherheit und Funktionstüchtigkeit geprüft. Durch unser besonderes Sammelsystem können wir rund fünf Prozent des sogenannten E-Schrotts zur Weiterverwendung anbieten.

Andere Beispiele sind: In unseren Radwerkstätten entstehen aus Rädern, die sonst direkt im Schrott landen, wiederaufbereitete Fahrräder. In unserer Holzwerkstatt werden aus Teilen nicht mehr wiederverwendungsfähiger Möbel – Schrank- und Regalteile – neue Möbel. Mit solchen Projekten werden sinnvolle Arbeits- und Qualifizierungsplätze für Arbeitslose geschaffen. Und gleichzeitig ein soziales Secondhand-Angebot zu meist kleinen Preisen.

Last but not least haben wir ein Versand-Antiquariat, in dem Secondhand-Bücher in ein Internetportal eingestellt werden: Eine sinnvolle Arbeit, um Menschen in den Umgang mit dem PC und dem Internet einzuführen – abgesehen von weiteren damit zusammen hängenden Aufgaben wie dem Postversand und der Abrechnung usw.

Also: Insgesamt geht es uns darum, reale und inhaltlich sinnvolle Tätigkeitsfelder anzubieten, um Langzeitarbeitslosen möglichst arbeitsmarktnahe Beschäftigung und Qualifizierung zu bieten, statt Beschäftigungstherapie.

Die Mini-Galerie der Recyclingbörse: Der Kiosk24

Wie kam es zu dem Recycling-Design-Preis?

Ende der 90er Jahre haben wir zunächst den »Recycling-Kunstpreis« ins Leben gerufen. Das war zunächst ein Regionalpreis, der sich relativ schnell auf TeilnehmerInnen aus ganz Nordrhein-Westfalen ausweitete. Aus diesem Vorläufer entstand der RecyclingDesignpreis: Unter anderem, weil in unseren RecyclingBörsen natürlich auch viele Materialien anfallen wie Holz, Metall, Textilien, die Secondhand nicht mehr nachgefragt werden.

So sahen wir uns mit der Frage konfrontiert: Lassen sich diese »Reste« nicht doch noch sinnvoll nutzen, statt sie in die Müllverbrennung oder auf den Schrottplatz zu fahren? Es entstand zunächst die eingangs erwähnte Holzwerkstatt. Ein Designer entwickelte Entwürfe, bei denen aus Gebrauchtholz ausgedienter Möbel neue Regale und Sessel entstanden. Dabei entstand die Idee, einen RecyclingDesignpreis auszuloben. Er ist der einzige Wettbewerb, der sich mit Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung im Design beschäftigt.Mittlerweile ist die Beteiligung international. Zum Wettbewerb 2010 wurden insgesamt 650 Bewerbungen eingereicht, rund 30 Projekte wurden von der Jury für die Ausstellung ausgewählt.

Apropos Müllberge… welche Bedeutung hat das Recyceln im Vergleich zur Müllvermeidung?

Grob gesagt ist Recycling die Verwertung und Aufbereitung von Materialien, die als Müll anfallen, um sie als Rohstoffe zu nutzen: Handies werden zum Beispiel geschreddert, um Edelmetalle zurückzugewinnen. Früher wurde alles in Müllkippen vergraben. Gleichwohl gehen bei den heutigen Recyclingverfahren noch immer viel zu viele Rohstoffe verloren. Sie landen in der Verbrennung. Bei der Müllvermeidung entsteht eigentlich erst gar kein Müll: Er wird ja vermieden. Ich könnte auf’s Recycling am ehesten verzichten.

Die Recyclingbörse fördert nicht nur Umwelschutz, sondern auch Kunst, zum Beispiel diese Skulptur aus vermeintlichem Müll.

Meines Erachtens gibt es eine Hierarchie des Verwertens: Das Recycling ist die niedrigste Stufe. Danach käme das Sustainable-Design, also ökologisches Design. Die höchste Stufe wäre für mich das Prinzip, das der Gründer und Leiter der EPEA Internationale Umweltforschung GmbH, Michael Braungart, vertritt: das so genannte Cradle-to-Cradle-Prinzip (www.braungart.com). Hierbei entsteht kein Müll, weil alle Produkte so gestaltet sein können, dass die eingesetzten Materialien am Ende der Nutzungsphase zu hundert Prozent wiederverwendet werden können. Wie in der Natur: Stirbt ein Baum ab, bleibt auch kein Restmüll.

Bei der heutigen Produktionsweise und Herstellung von Produkten werden dagegen chemisch so komplex zusammengesetzte und oftmals hochgiftige Stoffe und Materialien entwickelt, dass ein Recycling oftmals gar nicht möglich ist, weil es dafür schlicht keine technischen Verfahren gibt. Ergo: Jede Menge Rohstoffe wird vernichtet. Oder nehmen Sie die Berge von Elektroschrott. Man weiß, dass man diese Geräte ohne Probleme so konstruieren könnte, dass sie ein Leben lang halten. Konstruiert wird aber nach dem Prinzip möglichst kurzer Lebensdauer: Die Wachstumsgesellschaft will schließlich regelmäßig neue Modelle absetzen. Alle zwei Jahre ein neues Handy usw.

Vielen Dank für das Gespräch!

Autor: ilona Die Welt erkunden und darüber berichten ist meine Leidenschaft. Seit über 10 Jahren tue ich dies nun als Jornalistin, Autorin und Bloggerin: ich schreibe, filme, fotografiere und mache Podcasts. Am liebsten natürlich für eine bessere Welt!
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